München Petra Schürmann: Ihre letzte Reise

Blumen liegen vor der Schürmann-Villa am Starnberger See Foto: dpa

MÜNCHEN - "Sie ist auch im Tod eine sehr schöne Frau gewesen,“ sagt der Bestatter von Petra Schürmann. Der Sarg der ehemaligen Miss World wird ab Samstag in Aufkirchen aufgebahrt sein. Am Dienstag dann die Beerdigung. "Dieser Abschied wird in Petras Interesse sein", so ein Freund.

Auf dem Bett lagen Rosen. Sie sah schön und friedlich aus wie ein kleiner Porzellan-Engel.“ Felix Raslag (39), in den letzten Jahren ein enger Vertrauter von Petra Schürmann, schluckt. „Ihre Haut war ganz zart.“ Die Familie von Bayern, sagt er, habe ihn am Donnerstagmorgen über den Tod informiert. Er sei sofort hingefahren, habe Abschied genommen. „Wir waren zwar alle vorbereitet“, sagt er leise, „aber wenn es tatsächlich eintritt, ist es doch ein Schock.“

Drei bis viermal die Woche hat er Petra Schürmann in ihrem Haus in Starnberg besucht, zuletzt am vergangenen Sonntag. „Sie konnte ja nicht mehr reden, aber wir haben über Blicke kommuniziert. Ich habe ihre Hand gehalten, mit ihr geredet. Zuhören konnte sie ja.“ Eine Reaktion von ihr gab’s selten. Manchmal eine Augen-Bewegung.

Der Geschäftsführer einer Nabelschnurbank in Martinsried hat die populäre Moderatorin auf einem Fest bei Uschi und Poldi von Bayern kennen gelernt und sie nach dem Tod ihrer Tochter in der Öffentlichkeit begleitet. „Sie geht gern unter Leute“, sagte er damals. „Ihr Mann wollte das nicht mehr, er hat sich in seiner Trauer zurückgezogen. Aber Petra war ihr Leben lang unter Leuten, nur zu Hause sitzen, das kann sie nicht.“

2005 waren sie zusammen in Paris. „Ich habe gespürt, es ist unser letztes Mal“, erinnert er sich im AZ-Gespräch. „Ich habe diesen schleichenden Prozess ja miterlebt. Der Auslöser war sicher der Tod Alexandras. Es war wie ein schwarzer Schleier, der sich über sie legte. Dann kam noch der Tod ihres Mannes dazu.“ Voller Wärme setzt er hinzu: „Petra war eine sehr starke Frau. Aber die Trauer war leider stärker.“

Sie hat ihr auch die Stimme genommen, hat sie verstummen lassen. Mehr als 600 Sendungen und unzählige Galas hat sie moderiert. Das Publikum liebte ihre sanfte Stimme, ihre Eloquenz, ihre Gabe, Menschen zu öffnen. Dass ausgerechnet Petra Schürmann, die wegen ihrer „sauberen Aussprache“ in den Sechzigern beim BR als Ansagerin engagiert wird, sich seit 2004 nur mehr via SMS verständigen kann, muss, so Carolin Reiber, „furchtbar für sie gewesen sein. In der Öffentlichkeit stehen und reden, das war ihr Elixier.“ Aber, sagt Carolin Reiber, die in den frühen TV-Tagen auch mit Petra Schürmann für den Otto-Versand gemodelt hat („sie war das Glamourgirl, ich das Landmädel mit den roten Bäckchen“): „Petra hat es nie thematisiert. Das war ihre Art. Sie stand immer über den Dingen, die sie nicht konnte.“

Wie souverän sie mit ihrer Sprachblockade umgeht, zeigt eine Szene aus dem berührenden Film von Heidi Kranz „Ein Leben – Petra Schürmann“ (2005): Sie sitzt am Lenkrad ihres weißen Mercedes-Cabriolets, fährt von Starnberg nach Aufkirchen. Wie jeden Tag will sie zum Grab ihrer Tochter. Ein Polizist überholt sie mit seinem Motorrad, hält sie an: „Allgemeine Verkehrskontrolle“. Petra Schürmann lächelt durchs offene Seitenfenster, reicht ihm einen Briefbogen. Darauf steht: „Hiermit wird bescheinigt, dass Frau Petra Schürmann seit dem Tod ihrer Tochter an einer schweren psychoreaktiven Störung leidet. Die Beeinträchtigung steht in keinem Zusammenhang mit der Einnahme von Alkohol, Drogen oder sonstigen Rauschmitteln und beeinträchtigt ihre Konzentrationsfähigkeit und Fahrtüchtigkeit in keinster Weise.“ Der Polizist reicht ihr die Bescheinigung zurück, gibt Gas.

„Wenn ich mir etwas wünschen könnte“, wird in einer anderen Szene eine SMS von Petra Schürmann zitiert: „Dass ich wieder sprechen kann. Das ist mein Traum. Dann würde ich nochmal durchstarten.“

Der Traum bleibt unerfüllt. Ein paar Monate nach Alexandras Tod im Juni 2001 beginnen die Sprech-Probleme. Erst redet sie stockend, verhapselt sich, braucht mehrere Anläufe für einen Satz. Sie kämpft mit fachlicher Hilfe dagegen an – aber ihre Stimme wird kraftloser, verstummt schließlich.

„Grundsätzlich kann so ein Verstummen mehrere Gründe haben“, sagt Professor Peter Hennigsen, Direktor der Psychosomatischen Klinik rechts der Isar. „Ich möchte nicht spekulieren, aber als Reaktion auf den tragischen Tod der Tochter kann es im Rahmen von Depressionen zu einem depressiven Mutismus gekommen sein, einer schweren Sprachblockade.“ Oder, so der Experte, es war eine „Konversions-Störung, dieses Phänomen gibt es häufig nach einem Trauma.“ Außerdem könnte der Unfall auch unbewusste Konflikte ausgelöst haben. Schuldgefühle zum Beispiel, weil Alexandra an ihrem Todestag einen TV-Termin für ihre Mutter wahrgenommen hatte („Du hast schon genug Stress, Mami!“). Mit psychotherapeutischer und logopädischer Hilfe lassen sich manche Sprachstörungen heilen, sagt Professor Hennigsen, aber es komme auf den Patienten an. „Depressive mit Antriebsschwäche wollen mitunter gar nicht mehr reden.“

Petra Schürmann, das bestätigen alle, die sie kannten, war konfliktbewusst. So verkündete sie öffentlich in den prüden Sechzigern, als sie ein uneheliches Kind erwartete: „Jede Frau, auch wenn sie keinen Ehering trägt, hat ein Recht auf ein Kind!“ Mutige Worte, die ihr Drohbriefe einbrachten, vor allem, weil sie den Vater geheim hielt: Gerhard Freund, zu der Zeit mit Marianne Koch verheiratet, damals eine populäre Schauspielerin, heute eine renommierte Medizinerin.

Die ersten sechs Jahre leben Mami Petra und ihre Püppi allein. „Das war zu jener Zeit mit all ihren Vorurteilen gegen ledige Mütter nicht einfach, aber Petra war eine überglückliche Mutter“, sagt Carolin Reiber, die 1967 das Kinderzimmer mit eingerichtet hat. „Diese Jahre haben die beiden für immer zusammengeschweißt.“ Sie lächelt wehmütig. „Jetzt sind sie für immer vereint.“

Am Dienstag wird Petra Schürmann um 14 Uhr in Aufkirchen beigesetzt, an der Seite ihrer Tochter und ihres Mannes († 2008). „Zum Abschiednehmen“, so Bestatter Thomas Schmid, wird der weiße Sarg, bestückt mit ein paar Familienfotos, ab Samstagnachmittag in dem Leichenhaus hinter einer Glastüre aufgebahrt. Die Verstorbene ist mit einer Satindecke bedeckt, hält in den Händen einen Rosenkranz.

„Ihr Gesichtsausdruck war glücklich“, erinnert sich Felix Raslag an den Donnerstagmorgen bei ihr. „Sie schien zufrieden und erlöst, dass sie jetzt endlich bei ihrer Familie ist.“

Verena Duregger und Renate Schramm

 

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