München Obdachloser: "Ich lebe in der S-Bahn"

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
Mehrmals täglich geht Frank Arndt in sein Lagerabteil in Giesing: Hier hat er verstaut, was ihm von seinem Leben geblieben ist. Foto: Gregor Feindt

Frank Arndt (52) ist obdachlos, sein Zuhause sind die S-Bahn und der Flughafen. Er will eine Arbeit finden – aber das ist gar nicht so einfach

 

MÜNCHEN - Jede Nacht fährt Frank Arndt mit der S1 zum Flughafen. Dann wieder zurück und wieder hin. Die Fahrgäste sind ruhig, die Fahrt dauert lange – Arndt kommt zu ein wenig Schlaf. Dumm nur, dass Montag bis Donnerstag eineinhalb Stunden lang keine S-Bahn fährt. Dann bleibt er bis 4 Uhr am Flughafen. „Ich bin wie ein Tourist, gehe auf Toilette, kaufe mir einen Kaffee, mache ein Nickerchen“, sagt Arndt. Der gepflegte 52-Jährige ist kein Tourist am Flughafen. Frank Arndt ist obdachlos – er wohnt quasi in der S-Bahn. Und ein klein wenig auch am Flughafen.

Als Arndt im August 2012 nach drei Jahren Haft wegen Urkundenfälschung und Betrug aus der JVA Bernau entlassen wurde, haben sie ihn gefragt: „Wo gehen Sie hin?“ „Nach München“, hat Arndt gesagt. Und ist nach München gefahren.

Im Gefängnis hat er in der Bibliothek gearbeitet und bekommt 840 Euro Arbeitslosengeld. Zu wenig, um in der Wohnwahnsinns-Stadt München ein neues Leben anzufangen. Doch er kämpft. „Ich habe dreißig Jahre lang in Giesing gelebt und lasse mich nicht aus der Stadt vertreiben.“

Arndt behilft sich selbst: In Giesing hat er bei „MyPlace“ einen zwei Quadratmeter-Lagerraum gemietet. „Dort steht alles, was mir von meinem Leben geblieben ist, verpackt in vier Kartons.“ Er ist bescheiden. Ein Fahrrad hätte er gerne, ein neues Paar Schuhe und Jeans. Mehrmals täglich kommt er in den Lagerraum, zieht sich um, holt sich einen Regenschirm oder Unterlagen für Behördengänge. „Ohne dieses Lager wüsste ich nicht, wie ich mein Leben bewerkstelligen soll.“ Die zwei Damen an der Rezeption sind seine einzigen Gesprächspartner. „Ich habe keine sozialen Bindungen, aber sie kennen meine Geschichte und nehmen sich immer Zeit für einen Ratsch.“

Täglich schaut er auch bei der Diakonie vorbei: Duscht, rasiert sich. Hier hat er auch eine Postanschrift. Ruhe findet er im Arbeitsamt. Dort zieht er sich zurück, schreibt Bewerbungen, telefoniert mit Ämtern und sucht Weiterbildungsmaßnahmen. „Ich muss meine Computerkenntnisse auffrischen, möchte ab April gerne eine Weiterbildung anfangen. Aber ich weiß nicht, ob ich’s durchhalte. Es ist schwer, das Leben auf der Straße zu organisieren, genug Schlaf und Essen zu bekommen.“

Er ist ausgebildeter Bankkaufmann und hat jahrelang in einem Reisebüro gearbeitet. Sein Arbeitszeugnis aus dem Gefängnis ist ausgezeichnet. „Aber wenn man mir einen Besen in die Hand drücken würde, würde ich auch für 5 Euro Bahnsteige kehren. Ich sehe ja, wie schmutzig es da ist.“

Auch wenn er täglich nach Wohnungen sucht: Am freien Markt wird er abgewiesen, wenn er seine Schufa-Auskunft mit dem Gefängnis-Eintrag vorzeigt. Vom Wohnungsamt hat er einen Kautions- und Provisionsschein bekommen. Damit könnte er sogar einen Makler beauftragen. „Ich habe 50 Makler angerufen – keiner hat zurückgerufen!“

Jetzt hat die Stadt ihm eine Unterkunft in einem Männerwohnheim vermittelt: 7 Quadratmeter, Gemeinschaftsküche und Bad. Doch das war am Ende des Monats und er hätte die 450 Euro Miete sofort auf den Tisch legen müssen. Das Wohnungsamt kann ihm die fehlenden 200 Euro nicht leihen. Jetzt spart Arndt, falls wieder so eine Chance kommt. Auch wenn das Wohnheim heruntergekommen und völlig überteuert ist.

Ab Oktober bekommt Arndt Hartz 4, dann muss er nehmen, was die Stadt ihm anbietet. Er hat Angst, dass er in ein Mehrbettzimmer in ein Männerwohnheim muss, zusammen mit Alkoholikern und Drogensüchtigen. Arndt raucht nicht mal. Er geniert sich schon, wenn er an der Suppenküche ansteht, die Ämter Zuschüsse ablehnen oder er Hilfe annehmen muss. Er fühlt, dass er nicht dazugehört, zu den Obdachlosen. Auch wenn er einer ist.

 

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