München Marx: „Sei bei allen, denen Unrecht geschehen ist"

Erzbischof Reinhard Marx bei der Kar-Mette in der Frauenkirche. Foto: Martha Schlüter

MÜNCHEN - Am Karfreitag ist der Missbrauchsskandal in den Münchner Gottesdiensten allgegenwärtig. Erzbischof Marx betet für die Opfer. Auch die Protestanten in St. Lukas finden deutliche Worte

 

Ettal, Metten, Regensburg: Kaum ein Tag ohne neue Schreckensmeldungen über Züchtigungen und Übergriffe durch Priester. Der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche wirft einen Schatten auf das Osterfest. Auch in der Karfreitagsliturgie im Münchner Dom ist das Thema zu spüren.

Erzbischof Reinhard Marx betet, wie in vielen anderen deutschen Gemeinden, eine Fürbitte für Missbrauchsopfer: „Sei mit deiner Liebe und deiner Kraft allen nahe, denen großes Unrecht geschehen ist und die tiefe seelische Verletzungen erlitten haben. Richte Sie auf und heile ihre Wunden und stärke ihren Glauben“, betet Marx.

Die Kirche müsse erkennen, was auch in ihren Reihen an Sünden durch Wegsehen geschehen sei. Ähnlich äußerte er sich später auch in einem Interview für den BR: „Die bittere Erkenntnis über Missbrauch und Misshandlungen hat die Kirche tief erschüttert und aufgerüttelt. Den Opfern gilt besonderes Mitgefühl.“

Bereits einen Tag zuvor hatte Marx Klartext gesprochen. „Das Antlitz der Kirche ist entstellt, der Schatz des Evangeliums verdunkelt“, sagte er und wandte sich, mit dem Rücken zur Gemeinde, direkt den Priestern zu. Ein klares Zeichen. In der Domgemeinde sind die Ansichten darüber geteilt. „Der Karfreitag gehört allein Jesus“, findet Angelika Meyer, die am Vormittag die Karmette besucht hat. Die 52-jährige Neuhauserin geht regelmäßig in die Gottesdienste im Dom und weiß, dass der Bischof selten ein Blatt vor den Mund nimmt. „Er hat bereits am Donnerstag diese Vergehen klar angesprochen. Und er hat direkt und mahnend zu den Priestern geredet“, sagt Meyer.

Kirchgängerin Franca Flenda beschwert sich dagegen über die „Doppelmoral der Kirche“. Die sexuellen Übergriffe seien im Zölibat begründet: „Ein Drittel des Lebens besteht aus körperlicher Nähe – wenn man die nicht leben darf, schlägt das irgendwann wie eine Peitsche zurück.“ Ihre Lösung: „Wir müssen den katholischen Geistlichen die Fleischeslust eröffnen.“

Auch bei den Protestanten ist die Karfreitagspredigt von dem Skandal überschattet. Die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler verurteilt in ihrer Predigt Gewalt und Missbrauch: „Es ist eine völlig perverse Argumentation, wenn man sagt, dass es einem angeblich selbst weh tut, andere schlagen zu müssen“, erklärt sie in der St. Lukaskirche. Ebenso „verdreht“ seien Äußerungen, dass „Schläge noch keinem geschadet“ hätten. Als „unfassbar und unmenschlich“ bezeichnet sie die Tatsache, dass die Übergriffe in kirchlichen Einrichtungen jahrzehntelang vertuscht wurden. „Menschen verachten das Leben, wenn sie nachlässig mit denen sind, die ihnen anvertraut wurden und wenn sie auf ihren Körpern und Seelen herumtrampeln“, sagt sie. All das sei ein „einziger gigantischer Karfreitag“.

Der Karfreitag mahne dazu, Leben zu achten und zu schützen, so die Bischöfin. „Der Karfreitag ist ein Tag der Wahrheit, der hilft, alles, was Menschen niederdrückt, beim Namen zu nennen, um sie so wieder aufrichten zu können.“

Christoph Maier, Natalie Kettinger

 

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