München Hygiene-Skandal: „Das ist der Todesstoß“

Das städtische Klinikum Bogenhausen Foto: Martha Schlüter

MÜNCHEN - Sterilgutaufbereitung zwangsweise geschlossen, Klinik-Geschäftsführer suspendiert: In den Krankenhäusern Bogenhausen und Neuperlach sind derzeit nur noch Notoperationen möglich

 

Hygiene-Skandal im Städtischen Klinikum: Zwei Krankenhäuser haben seit Mittwoch ihren Operationsbetrieb weitestgehend eingestellt. Nur noch Not-Operationen können stattfinden. Betroffen sind die Einrichtungen in Neuperlach und Bogenhausen. „Das ist der Todesstoß“, heißt es intern.

In der Sterilisationsabteilung des Bogenhauser Krankenhauses müssen inakzeptable Zustände geherrscht haben. Ein Gutachten attestierte massive Hygiene-Defizite. Nach AZ-Informationen soll es angeblich aber schon längere Zeit Probleme gegeben haben. Am Mittwoch wurde die Abteilung dann dicht gemacht.

Die Folge: Weil Operationsbestecke fehlen, können keine geplanten Eingriffe mehr stattfinden. Auch in Neuperlach – denn das dortige Krankenhaus wird von Bogenhausen beliefert.

Gestern fand eine Krisensitzung statt. Der Klinikum-Aufsichtsrat kam zur Sondersitzung zusammen. Über Stunden hinweg waren keine Auskünfte zu erhalten. Bis am Nachmittag eine Pressemitteilung der Stadt herausgegeben wurde. Der Titel: „Mängel in der Sterilgutaufbereitung im Krankenhaus Bogenhausen.“

Daraus geht hervor, dass OB Christian Ude am Montag die Staatsanwaltschaft eingeschaltet hat. Diese bestätigt, dass eine Anzeige von OB Ude gegen Unbekannt einging – wegen „Hygienemängeln“ in zwei Krankenhäusern. „Wir müssen das jetzt prüfen“, sagt Oberstaatsanwältin Barbara Stockinger. Ein Vorermittlungserfahren ist eingeleitet.

Im Aufsichtsrat der Klinikum München GmbH war das alarmierende Gutachten schon am vergangenen Freitag Thema. Auch die zuständige Überwachungsbehörde im Gesundheitsreferat kontrollierte vor Ort. In der städtischen Pressemitteilung heißt es: „Da sich die hygienischen Mängel bestätigt haben, hat die Überwachungsbehörde den betroffenen Teil der Sterilgutaufbereitung vorübergehend geschlossen.“ Deshalb sei der Operationsbetrieb „nur sehr eingeschränkt“ möglich. Also nur im Notfall.

Müssen sich Patienten, die in einem der Krankenhäuser behandelt wurden, Sorgen machen? „Nach Auskunft der Klinikum-Verantwortlichen ist kein Fall bekannt, in dem in diesem Zusammenhang ein Patient zu Schaden gekommen wäre“, heißt es bei der Stadt. Jetzt sind externe Berater damit beauftragt worden, „zu evaluieren, wie der Operationsbetrieb in vollem Umfang wieder aufgenommen werden kann und welche Konsequenzen zu ziehen sind.“

Eine Sofortmaßnahme ist schon getroffen worden: Reinhard Fuß, zuständiger Klinikums-Geschäftsführer, ist bis auf weiteres suspendiert. Am Rande des Gesundheitsausschusses hatte er gestern noch beschwichtigt: Man werde die Probleme rasch in den Griff kriegen. Die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft sei nur zur Sicherheit erfolgt.

„Ich bin geradezu entrüstet“, erklärt CSU-Fraktionschef Josef Schmid. Hygienemängel seien schon seit längerem bekannt. Bereits im Herbst hätten sich Patienten bei CSU-Stadtrat Robert Brannekämper über „gravierende Sauberkeits- und Hygienemängel im Krankenhaus Bogenhausen“, beschwert. Bürgermeister Hep Monatzeder, gleichzeitig Aufsichtsrats-Chef im Klinikum, habe „die Situation heruntergespielt.“ Die CSU fordert: „Die Zustände, die gravierende Gesundheitsschäden der Patienten und damit großes persönliches Leid hervorrufen können, müssen sofort beseitigt werden.“

A. Böhm, hu, J. Lenders

Lebensgefährliche Krankenhauskeime

Erst im Februar hatte das Gesundheitsreferat Alarm geschlagen. Der Grund: Immer häufiger breiten sich gefährliche Keime in den Krankenhäusern aus. Allein im vergangenen Jahr wurden in München 87 Patienten registriert, die sich mit einem multiresistenten Erreger infiziert hatten, hieß es damals. Und das ist sicher nur die Spitze des Eisbergs. Das RGU geht davon aus, dass bis zu 50 Prozent der Fälle gar nicht erst gemeldet werden.

Krankenhauskeime können lebensbedrohlich sein. Die Zahl der Todesfälle lässt sich aber nur erahnen. Natürlich sind auch Hygienemängel schuld daran, dass sich die Erreger ausbreiten. Und solche Mängel gibt es laut RGU in allen 71 Münchner Krankenhäusern. Kleinste Fehler können da schon gravierende Folgen haben.

 

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