München Hausbesetzerin mit 84

Darum geht es: Das Haus in der Sankt-Bonifatius-Straße 16. Foto: Petra Schramek

GIESING - Annemarie Cody lebt seit 60 Jahren in ihrer Giesinger Wohnung. Eine Immobilienfirma hat das Haus nun gekauft. Cody soll raus, damit hier 45 schicke Eigentumswohnungen entstehen können.

 

Im Treppenhaus rieselt der Putz von den Wänden, es pfeift kalt aus klaffenden Löchern. Das Haus: eine Baustelle. Fünf Menschen leben in der Sankt-Bonifatiusstraße 16. Noch. Eine von ihnen ist die 84-jährige Annemarie Cody.

Fünf Jahre nach Kriegsende hat sie den Mietvertrag unterschrieben. Giesing ist ihr Zuhause.

Die Rentnerin hat all ihr Erspartes in die Wohnung gesteckt: neue Türen, ein neues Bad. Jetzt soll sie raus. Das Gebäude muss aus Brandschutzgründen saniert werden. Doch es geht um mehr als das: Nach 60 Jahren soll Annemarie Cody auch weichen, damit hier 45 schicke Eigentumswohnungen vom Dachgeschoss-Maisonette bis zum Loft entstehen können. Die gindiwo („Gesellschaft für individuelle Wohnungsprivatisierung“), Tochterunternehmen der JK Wohnbau, die jüngst an die Börse ging, hat das Gebäude vor einem Jahr gekauft und mit den Umbauarbeiten bereits begonnen.

„Wohnungsprivatisierung auf die faire Art“ – damit wirbt die gindiwo auf ihrer Internetseite. „Sehr wichtig“, so heißt es weiter, „ist uns die gerechte und sozialverträgliche Gestaltung dieses Prozesses.“

Das liest sich gut. Annemarie Cody erlebt das allerdings offenbar anders.

Zwei Monate Baulärm hat sie bereits hinter sich. Nachts friert sie, weil die Heizung nicht mehr richtig funktioniert. „Die wollen mich mürbe machen, bis ich ausziehe“, glaubt sie. Nachbarin Karolina Stiegler, ebenfalls 84 Jahre alt, wohnt seit 40 Jahren in dem Haus. Auch sie muss raus. „Für alte Leute ist das besonders schlimm“, sagt sie. Das leere Gebäude, das dunkle Treppenhaus: „Es ist schon sehr unheimlich hier.“ Karolina Stiegler ist zuckerkrank, wurde vor fünf Jahren am Herzen operiert. Sie möchte am liebsten hier wohnen bleiben: „Aber eine Eigentumswohnung kann ich mir einfach nicht leisten.“

Die beiden Rentnerinnen sind betroffen von einem neuen Fall der Gentrifizierung Münchens, einem Phänomen also, das vom Glockenbach- und Gärtnerplatzviertel schon bekannt ist. Das verläuft etwa so: Unternehmen kaufen Immobilien in attraktiver Lage auf und luxussanieren sie. Die alten Bewohner, die das Viertel prägten, können sich die Wohnungen nicht mehr leisten und ziehen weg.

Ist jetzt Giesing dran? Der traditionelle, bodenständige Stadtteil gerät durch seine Nähe zum Nockherberg zunehmend ins Visier der Immobilienfirmen. Die gindiwo prophezeit: „Die Preise für Immobilien in Giesing sind noch günstig. Sie werden es aber nicht bleiben.“

Was geschieht nun aber mit den Mietern der Bonifatius-Anlage, die sich eine Ersatzwohnung mit über 1000 Euro Miete nicht leisten können?

„Wir haben ein juristisch leeres Haus gekauft“, antwortet gindiwo-Sprecherin Eva Romstätter auf Nachfrage der AZ. Man hätte von den Bewohnern zwar gewusst, sei aber davon ausgegangen, dass sie zum jetzigen Zeitpunkt längst ausgezogen wären. Das hätte der ehemalige Eigentümer zugesichert.

„Wir haben uns auch bemüht, den Menschen Alternativen anzubieten“, sagt Romstätter. Sie könnten die Wohnung nach der Sanierung kaufen oder wieder mieten: „Wir wären auch bei der Suche nach einer neuen, passenden Wohnung behifllich.“ Eine freiwillige Leistung der gindiwo, zu der sie nicht verpflichtet wäre. Und in dem jetzigen Zustand, mit kaputter Heizung und maroder Isolierung, sei das Haus in der Sankt-Bonifatius-Straße ohnehin nicht bewohnbar.

Mit ihren 84 Jahren sind die zwei betagten Damen quasi zu Hausbesetzern erklärt worden. Annemarie Cody hat in ihrer Verzweiflung Tobias Vollmar, Rechtsberater des Mietervereins, um Hilfe gebeten. Sie ist seit 20 Jahren Mitglied. Für den Anwalt steht fest: Die Kündigung der Mieter ist unwirksam. Denn: Der ursprüngliche Eigentümer der Bonifatius-Anlage kündigte seinen Mietern mit der Begründung, dass ein bewohntes Haus schlechter zu verkaufen sei.

Das Haus ist aber mitsamt der Mieter nunmehr insgesamt drei Mal verkauft worden, bis die gindiwo es schließlich im September 2009 erworben hat. „Der Kündigungsgrund wurde damit ad absurdum geführt“, so der Rechtsberater. „Offensichtlich ließ sich das Haus sehr gut mitsamt Mieter verkaufen.“

Drei dicke Aktenordner füllt der Fall schon. „Bei der gindiwo hat sicherlich niemand geglaubt, dass die Mieter so lange ausharren würden“, muss selbst Anwalt Ulrich May anerkennen, der die Interessen des Münchner Unternehmens vertritt.

S. Petersen, C. Landsgesell

 

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