München Großhadern: Adoptivmutter im Schlaf mit Schere erstochen

Tod hinter Efeu: Ujal R. (kl. Foto, im Alter von 10 Jahren) ermordete am Sonntag seine Mutter im gemeinsamen Haus in Großhadern. Foto: Petra Schramek

MÜNCHEN - Seine Adoptivmutter liegt im Bett, als Ujal R. (20) mit einer Schere auf sie einsticht. Was hat ihn zum Mörder gemacht? Bekannte erinnern sich an einen verwirrten Sonderling und Außenseiter.

 

Seine schwarzen Locken kräuseln sich bis zu den Schultern. Er trägt alte Pullover auf, Markenklamotten interessieren ihn nicht. Er hasst Alkohol und Zigaretten und wird auf keine Party eingeladen. Ujal R. (20) ist ein Sonderling, sagen die, die ihn kennen gelernt haben. Ujal, der Außenseiter. Ein Freak.

Seit Sonntagfrüh sitzt der ehemalige Hauptschüler in U-Haft. Es war gegen 2.30 Uhr, als ihn Polizisten in der Neufriedenheimer Straße in Großhadern festnahmen. Der junge Mann hatte sie selbst zu dem von Efeu umwucherte Haus gerufen, das er zusammen mit seiner Adoptivmutter bewohnte. Als Ujal drei Jahre alt war, hatte ihn die 71-jährige ehemalige Missionsärztin aus Bangladesch nach München geholt. Sonntagnacht starb sie an den Folgen mehrere Stichverletzungen, ermordet von Ujal, ihrem Sohn.

Am Montag gaben Mordkommission und Staatsanwaltschaft Details zur Bluttat bekannt. Laut Polizei hatte Ujal R. mit einer Haushaltsschere auf seine Mutter eingestochen, während die in ihrem Bett schlief. „Es ist aufgrund der Schwere der Verletzungen anzunehmen, dass sie sofort tot war“, sagt Richard Thiess von der Mordkommission.

Ujal R. hat nach der Tat den Notruf gewählt und erklärt: „Ich habe meine Mutter getötet.“ Als ihn Beamten am Tatort festnehmen wollten, wehrte er sich. Zunächst habe er nicht mitkommen wollen, erzählt Mordermittler Thiess. Doch mit „etwas Nachdruck“ habe er sich dann doch gefügt – und seine Tat erneut gestanden.

Ujal R. sei alles andere als ein pflegeleichter Heranwachsender gewesen, heißt es. Darauf lässt auch seine kriminelle Vorgeschichte schließen. Mehrmals ist der junge Mann bei der Polizei wegen Diebstahl und Sachbeschädigung aufgefallen. Ujal R. sei ein aggressiver Typ, erzählen Gleichaltrige aus seinem Umfeld. Eine Bekannte meint, sie habe insgeheim Angst vor ihm gehabt. „Er war ein klassischer Außenseiter“, sagt die junge Frau, die ihn zuletzt vor zwei Monaten gesehen hatte.

Auch das Verhältnis zu seiner Mutter war gespannt und von Aggressionen geprägt. Die 71-Jährige hatte neben Ujal noch zwei Mädchen aus Bangladesh adoptiert, erzählen Nachbarn. Die beiden hätten jedoch nicht mehr mit dem Bruder und der Mutter zusammengelebt.

Im Juni erreichen die Spannungen zwischen Mutter und Adoptivsohn ihren Höhepunkt. Während eines lauten Wortgefechts kommt es zu Handgreiflichkeiten. Ujal soll seine Mutter mit der flachen Hand geschlagen haben. Dieser Vorfall hat für ihn aber kein Nachspiel. Obwohl die Polizei von dem Vorfall weiß, machten die Beteiligten keine Angaben zu dem Fall, so die Staatsanwaltschaft. Offenbar hatte die Mutter Ujals Ausraster schnell verziehen.

Jahrelang hatte die ledige Frau in Bangladesh als Missionsärztin und Entwicklungshelferin gearbeitet. „Sie hatte den Ärmsten der Armen geholfen“, sagt Mordermittler Richard Thiess. Sie war über fünfzig, als sie Ujal und seine Geschwister adoptierte und ihnen in Deutschland ein Leben in Wohlstand schenkte. Glaubt man den Aussagen der Nachbarn der Frau, soll auch sie schwierig im Umgang gewesen sein. Sie habe abgeschirmt und zurückgezogen gelebt, Kontakte pflegte die Alleinstehende kaum.

Laut Staatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch wird bei dem 20-jährigen Ujal R. Jugendstrafrecht angewendet. Als Heranwachsender droht ihm eine Höchststrafe von bis zu zehn Jahren Haft. „Es ist ein klassischer Heimtücke-Mord“, sagt der Staatsanwalt. Das Opfer habe geschlafen und sei völlig wehrlos gewesen. Doch was hat Ujal R. zu der Tat getrieben? Warum sticht ein Sohn voller Hass mit einer Schere auf seine AdoptivMutter ein? Dazu schweigt Ujal R.

Reinhard Keck

 

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