München Ende einer Münchner Verkaufskultur: Das letzte Weiberl

Krenweiberl Helga Kraus Foto: Martha Schlüter

Eine Tradition geht zu Ende: Seit über 100 Jahren gehören die fränkischen Krenweiberl zum Stadtbild. Mit Helga Kraus (70) hat die Letzte jetzt aufgehört. 50 Jahre verkaufte sie Meerrettich, Tee und Gewürze.

Wir sind wirklich traurig, dass Sie aufhören“, sagt eine Kundin. Helga Kraus reibt sich die Hände und nickt. Es ist kalt und nass, der Schnee schmilzt auf ihrer Trachtenschürze. „Schade is’ schon“, sagt sie, „des war’s mit de Krenweiberl“. Das war’s mit einer Münchner Verkaufskultur, mit der Ära eines zur Tradition gewordenen Standes.

Helga Kraus, das letzte Krenweiberl Münchens, ist jetzt in Ruhestand gegangen. Fünfzig Jahre lang ist sie von ihrem oberfränkischen Heimatort Heroldsbach nach München gefahren, um hier Meerrettich, Tee und Gewürze zu verkaufen. Früher war sie nicht die Einzige, der Beruf hatte Tradition.

„Die Frauen sind schon vor hundert Jahren nach München gefahren, um was dazu zu verdienen“, erzählt Helga Kraus. Anfangs zog sie noch mit ihrer Mutter durch die Stadt, schleppte ihre Körbe von Haus zu Haus. Eine anstrengende Arbeit, aber ihr gefiel es, Leute kennen zu lernen und zu ratschen. Später, 1973, fand sie ihren festen Standplatz vorm Oberpollinger in der Neuhauser Straße. „Immer weniger Leute waren tagsüber daheim, weil die Frauen anfingen, zu arbeiten. Die Zeit hat sich geändert.“

Fortan kam die Kundschaft zu ihr. Anlocken musste sie Helga Kraus nie. Die Passanten kamen von selbst auf sie zu, wenn sie hinter ihren Waren auf einem Hocker saß. Als sie vor drei Jahren zum Karstadt am Dom umzog, blieben ihr die Kunden treu.

Zuletzt wurden es immer weniger. „Das Geschäft läuft nicht so toll. Drum stirbt es aus.“ Vor einem Jahr gab eine 78-Jährige Kollegin den Beruf auf, Helga Kraus war das letzte Krenweiberl. Nachwuchs wird es keinen geben, glaubt die 70-Jährige. Die jungen Frauen hätten heute andere Pläne. „Die Zeit hat sich geändert.“

Der Abschied von München fällt ihr schwer. An den letzten Tagen kommen noch einmal viele Stammkunden und klagen, wie sehr sie ihnen fehlen werde. Helga Kraus wird „wirklich Sehnsucht nach meiner schönen Stadt“ haben. Was sie jetzt macht? „Daheim im Garten und im Haus gibt es genug Arbeit.“ Ihre Produkte kann man immer noch im Internet bestellen. Die Zeit hat sich geändert. C. Pfaffinger

 

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