München AZ-Interview: „Genau das ist meine Waffe“

Auch nach sieben Operationen: Aylin Korkmaz’ Gesicht ist für immer gezeichnet. Foto: AZ

13 Frauen werden 2007 in Deutschland getötet, weil sie angeblich die Familien-Ehre verletzt haben. Aylin Korkmaz hat den Angriff ihres Mannes überlebt. Heute spricht sie in München.

 

Es sind Wunden, die Ärzte sonst nur an Leichen sehen: 26 Messerstiche, vier davon eigentlich tödlich, vier Liter Blutverlust. Doch Aylin Korkmaz lebt. Sie hat den versuchten Ehrenmord ihres Ex-Mannes im November überstanden, wenn auch schwer gezeichnet. Jetzt will sie mit ihrem Buch „Ich schrie um mein Leben“ allen Gewaltopfern eine Stimme leihen. Heute Abend um 20 Uhr kommt Aylin Korkmaz zu einer Podiumsdiskussion ins Literaturhaus.

AZ: Frau Korkmaz, heute leben Sie ein selbständiges Leben, arbeiten, ziehen ihre Kinder alleine groß. Was bedeutet Freiheit für sie?

AYLIN KORKMAZ: Ich kann wieder machen was und wann ich es will und ich bin nicht mehr der Besitz eines Mannes. Ich habe immer gelernt, dass ich als Frau allein nicht leben kann.

Ihr Mann hat ihnen verboten zu arbeiten, hat Sie immer wieder geschlagen, 2003 haben Sie sich von ihm getrennt.

Da hat er mir gedroht „Ich schlage deinen Kopf ab“. Jeden Morgen, wenn ich aufgewacht bin, hatte ich Angst. Und im November 2007 hat er mich an einer Autobahnraststätte, meinem Arbeitsplatz, abgefangen und niedergestochen.

An einem öffentlichen Ort?

Ja, er wollte allen zeigen, dass er mich umbringen kann, und nichts kann mich vor ihm schützen, weil ich es verdiene. Er fühlt sich wie ein Held. Und nie kam ein Wort der Reue.

Diese „Ehre“, was ist das für ein Begriff, der solche Taten rechtfertigt?

Wegen ihr sterben viele Frauen. Ehre ist unser gemeinsames Schicksal.

Ihr Ex-Mann wurde zu 13 Jahre Haft verurteilt, aber seine Familie setzt Ihnen immer noch zu?

Sie haben veranlasst, dass die türkische Gemeinschaft in Baden-Baden mich ausgeschlossen hat. Eine türkische Frau trägt ihre Probleme nicht in die Öffentlichkeit. Aber genau das ist meine Waffe – mit meinem Buch gebe ich allen unterdrückten Frauen eine Stimme.

„Tragödien gäbe es nicht, wenn wir immer alles richtig machten“, schreiben Sie in ihrem Buch. Was raten Sie Frauen in so einer Lage?

Dieser Gewaltspirale entkommt man nur, wenn man sich nicht schämt. Und – es gibt Hilfe von Frauenorganisationen, nur wissen das viele nicht. Johanna Jauernig

 

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