Müller-Brot Betriebsrats-Boss: "Würde heute anders abstimmen"

MÜNCHEN - Jetzt geht alles seinen Gang: Das Amtsgericht Landshut hat das Insolvenzverfahren eröffnet. Hubert Ampferl ist jetzt offiziell Insolvenzverwalter. Rund 700 ehemalige Angestellte müssen sich diese Woche arbeitslos melden – nur 400 von 1080 werden vom neuen (und alten) Besitzer, Klaus-Dieter Ostendorf, übernommen.

 

Noch ist der Kaufvertrag zwar nicht unterschrieben. Dennoch will Ostendorf die Produktion in der Zentralbäckerei in Neufahrn so schnell wie möglich wieder anwerfen. Wie die AZ erfuhr, sollen am Mittwoch Lebensmittelprüfer das stillgelegte Werk erneut kontrollieren. Ob’s diesmal grünes Licht gibt, ist offen.

Ebenso unklar ist weiterhin die Rolle eines Mannes bei Müller-Brot. Der Betriebsratschef der Firma, Ender Onay (59), stimmte als Mitglied des Gläubigerausschusses für Ostendorf – obwohl der für die Insolvenz und den Hygiene-Skandal verantwortlich war. Schnell machten Gerüchte die Runde, er sei massiv unter Druck gesetzt – oder gar bestochen worden. In der AZ äußert er sich erstmals im Interview zu diesen Vorwürfen.

AZ: Herr Onay, Sie haben im Gläubigerausschuss für Klaus-Dieter Ostendorf gestimmt – als Vertreter der Arbeitnehmer. Auf der Betriebsversammlung am vergangenen Donnerstag wurden Sie daraufhin mit Eiern beworfen und als Verräter beschimpft. Wie geht es Ihnen jetzt?

ENDER ONAY: Da wurde nicht ich beworfen, sondern der Geschäftsführer, Herr Huhn. Ich ging vorbei und wurde am Schuh getroffen.

Wurden Sie sonst angefeindet wegen Ihrer Entscheidung?
Nein. Viele hatten Fragen, manche waren auch etwas böser, aber das ist okay. Die Mitarbeiter kennen mich, ich bin seit 16 Jahren Betriebsrat.

Verwundert haben Sie trotzdem viele – warum haben Sie für Ostendorf gestimmt und nicht für Evi Müller?
Weil die modernste und wichtigste Produktionslinie 25 (Neupreis: 32 Millionen Euro, d. Red.) und die EDV Ostendorfs Backwelt gehören. Sie sind das Herz der Anlage. Ohne die kann die Produktion nicht laufen. Ich konnte nicht riskieren, dass er sie einem anderen Investor nicht freigibt und dadurch weitere Arbeitsplätze abgebaut werden. Herr Ostendorf war einfach das kleinere Übel.

Welche Lösung hatten Frau Müller und Herr Höflinger für dieses Problem?
Das darf ich Ihnen nicht sagen. Wir alle im Gläubigerausschuss mussten eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben.

Sie hätten aber mit Nein stimmen oder sich enthalten können – als Signal an die Belegschaft, die Klaus-Dieter Ostendorf als neuen Investor unbedingt verhindern wollte.
Am Schluss war es eine 18-Stunden-Sitzung. Es war schwer genug. In letzter Zeit war ich sieben Tage die Woche in der Firma, in Besprechungen, ich wurde von jedem gefragt, was los ist, musste moralische Unterstützung geben. Was ich mitgemacht habe, das ist Verantwortung ohne Ende – ich war müde. In der Situation hat es sich dann so ergeben.

Beteiligte sagen, der Bankenvertreter sei aggressiv vorgegangen, damit der Ausschuss für Ostendorf stimmt. Hat man Druck auf Sie ausgeübt?
Ich kann dazu nichts sagen.

Wieder andere sagen, Sie wurden gekauft – mit einem Sitz in einem Beirat in der neuen Firma. Tatsächlich gibt es ein Erwerberkonzept von Klaus-Dieter Ostendorf, in dem steht, dass der Betriebsratsvorsitzende dazu gehören soll...

Nein, das kommt nicht in Frage. Das sind Gerüchte, aber die stimmen nicht. Ich bin kein Mensch, den man kaufen kann – das schwöre ich. Außerdem steht da nicht, dass ich es bin – in der neuen Firma wird es einen neuen Betriebsratschef geben. Ob ich das bin, ist gar nicht sicher. Ich weiß nicht, wie es mit mir weitergeht. Da lassen wir uns überraschen, ich habe keine Ahnung.

Würden Sie denn heute anders entscheiden?
Mit Sicherheit! Ich würde mich enthalten.

Unter Ostendorf wurde Müller-Brot insolvent, der Ruf ist dahin. Können Sie überhaupt damit leben, dass er wieder das Unternehmen leitet?
Ach, für mich sind die Arbeitsplätze wichtig. Egal, wer der Chef ist. Und mir ist wichtig, dass die Produktion wieder läuft, damit die Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen können.
 

 

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