Mitglied der Weißen Rose 75. Todestag von Willi Graf: "Er schützte das Leben der anderen"

Miriam Gebhardt spricht im AZ-Interview über das Leben von NS-Widerstandskämpfer Willi Graf. Foto: Bayerisches Hauptstaatsarchiv, NL Graf 133/AZ

Unerschütterlich bis in den Tod: Obwohl Willi Graf acht Mal von der Gestapo verhört wird, verrät er keinen seiner Freunde.

München - Die Historikerin und Journalistin Miriam Gebhardt sprach mit der AZ über die Rolle von Willi Graf innerhalb der Weißen Rose. Von ihr ist kürzlich als Taschenbuch erschienen: "Die Weiße Rose: Wie aus ganz normalen Deutschen Widerstandskämpfer wurden".

AZ: Frau Gebhardt, warum ist Willi Graf weniger bekannt als die Geschwister Scholl?
MIRIAM GEBHARDT: Die Geschwister Scholl stechen in ihrem Bekanntheitsgrad vor allem deshalb so heraus, weil die ältere Schwester Inge Scholl die Weiße Rose nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt gemacht hat und dabei ihre Geschwister sehr in den Vordergrund gestellt hat. Das hat bei den Angehörigen der anderen Mitglieder für viel Unmut gesorgt.

Welche Rolle hatte Willi Graf in der Weißen Rose?
Er war einer der ganz Wichtigen. Die Hauptinitaitoren waren Hans Scholl und Alexander Schmorell. Ohne sie hätte es die Weiße Rose wohl nicht gegeben. Willi Graf hatte die Rolle des Kundschafters. Er war für die Verbreitung zuständig, transportierte Flugblätter und suchte in Freiburg und Saarbrücken unter seinen alten Freunden aus der katholischen Jugend nach Mitstreitern. Seine Aufgabe war sehr gefährlich.

Wie würden Sie ihn charakterisieren?
Er war von seiner Persönlichkeit her eher introvertiert und überlegt. Keiner, der aus Abenteuerlust gehandelt hätte. Er hatte sich seine Schritte reiflich überlegt. Und er war der Einzige in der Weißen Rose, der sich gegen die Hitlerjugend entschieden hatte – obwohl sein Vater sehr auf ihn eingewirkt hat, weil er als Gastronom fürchtete, Kunden zu verlieren.

Er verbrachte sechs Monate in Gefangenschaft. Warum ließ man ihn am längsten von allen auf die Hinrichtung warten?
Die Gestapo wusste, dass er für die Außenkontakte zuständig war. Sie haben ihn immer wieder verhört, wollten wissen, wer noch dabei war. Außerdem wollten sie in Erfahrung bringen, ob es Anschlagspläne gab.

Was hat er preisgegeben bei den Verhören?
Er blieb standhaft und hat niemanden verraten. Es ist heldenhaft, wie er das Leben der anderen geschützt hat. Seine Taktik war, immer nur das zu bestätigen, was sie schon wussten.

Ist er auch gefoltert worden?
Dafür gibt es keine Hinweise. Auch von den Gefängnispfarrern ist das nicht berichtet worden.

Er gilt als sehr gläubig. Denken Sie, dass er die Kraft, so zu handeln und das alles durchzustehen, vor allem aus seinem Glauben schöpfte?
Der Glaube hat bei den Mitgliedern der Weißen Rose eine unterschiedlich starke Rolle gespielt. Sie waren sich der Todesgefahr, in der sie sich befanden, bewusst. 'Angst greift wie eine Krake nach mir', hat Sophie Scholl notiert. Die Mitglieder der Weißen Rose haben sich schon auch spirituelle Kraft geholt – vor allem, als sie im Gefängnis saßen und wussten, dass sie unter dem Fallbeil sterben werden. Aber ich halte es nicht für legitim, ihr Handeln allein mit einem religiösen Fundament zu begründen. Die Kirche versucht jetzt, die Akteure zu vereinnahmen. Alexander Schmorell wurde ja bereits von der russisch-orthodoxen Kirche seliggesprochen – obwohl sein Neffe sagt, er sei gar nicht gläubig gewesen.

 

1 Kommentar

Kommentieren

  1. null