"Mit dem Kopf kann man das nicht verstehen" Genitalverstümmelung: Ärztin erklärt grausame Rituale und die Folgen

Messer, Rasierklingen und Amulette für die Genitalbeschneidung von Mädchen in Kenia – Werkzeuge für ein grausames Ritual, von dem auch Frauen in Deutschland betroffen sind. Foto: Ursula Düren/dpa

Hunderte Fälle: Die Frauenärztin Eiman Tahir betreut genitalverstümmelte Frauen aus München und Bayern.

Ihre Patientinnen nennen sie "Doktora Eiman" – familiär beim Vornamen, respektvoll für den Beruf. Dr. Eiman Tahir wechselt locker zwischen Deutsch, Arabisch und Englisch. Ihre Praxis in der Sonnenstraße ist eine Anlaufstelle für viele genitalverstümmelte Frauen. Denn das Ritual ist auch hier ein Problem – dem sich ein neuer Stadtratsbeschluss stellt. Ein Gespräch über ausgeschabte Schamlippen, Aberglauben und den Druck der Tradition.

AZ: Frau Tahir, Sie leisten als Medizinerin mehr als die üblichen Untersuchungen. Sie nehmen sich Zeit.
EIMAN TAHIR:
Bei mir geht es nie nur um Medizin. Da viele meiner Patientinnen auch Migrantinnen sind, erfahre ich ihre Schicksale und ihre Geschichte. Die Patientinnen fordern von mir, für sie da zu sein.

Oft haben Sie die ganze Familie in der Praxis.
Die Frauen kommen selten allein. Der Ehemann dolmetscht, Babys und Geschwisterkinder sind dabei. Ich lerne alle kennen und gebe über mein Interesse und das Zuhören wichtige Unterstützung und psychische Stärkung. Meine Patientinnen fühlen sich verstanden. Ich empfange und behandle sie mit herzlichen Gesten und Worten. Das gibt ihnen Zuversicht.

Außerhalb der Kliniken gelten Sie als erste Anlaufstelle, wenn eine verstümmelte Frau in München schwanger wird.
Es vergeht fast kein Tag, ohne dass eine schwer beschnittene Frau als Patientin kommt.

Schlimmste Genitalverstümmelung: Haut wird zugenäht

Es gibt Frauen, die können Sie gar nicht frauenärztlich untersuchen. Wenn sie zum Beispiel dem schlimmsten Typ der Genitalverstümmelung ausgesetzt wurden: der pharaonischen Beschneidung.
Das sind meist Patientinnen aus Somalia, manche sind erst 16 Jahre alt. In der Kindheit wurde ihnen nicht nur die Klitoris weggeschnitten. Die Schamlippen wurden ausgeschabt, die Haut zusammengeklappt und von oben bis unten vernäht, so dass nur eine kleine Öffnung bleibt. Häufiger sehe ich aber vergleichsweise milde Formen der Beschneidung.

Wie gehen Sie dann bei einer Schwangeren vor?
Wenn sie Schmerzen beim Wasserlassen oder bei der Periode hat, operiere ich sie in einem ambulanten OP-Zentrum.

Was operieren Sie genau vor einer Geburt?
Weil die anatomischen Verhältnisse nicht mehr stimmen, können zugenähte Schwangere einen Kaiserschnitt bekommen. Wenn das Baby natürlich entbunden werden soll, öffne ich fünf Monate vor der Geburt die Narbe dieser Frauen. Oder ich überweise sie an die Maistraße. Während der Geburt schneiden erfahrene Ärzte dort die Narbe auf oder die Naht reißt von selbst. Sonst kann das Baby nicht heraus.

Das Münchner Rathaus hat Sie heuer als Expertin aufs Podium geladen. Wie geht die Stadt mit dem Problem um?
Der Migrationsbeirat und das Gesundheitsreferat haben erkannt, dass das Problem nicht irgendwo am Ende der Welt stattfindet, sondern bei uns in München ist. Es ist gerade erst ans Tageslicht getreten. Betroffene Frauen, die bei uns leben, brauchen jetzt Aufklärung, psychologische Hilfe und einen behutsamen Umgang. Das ist bei allen Leuten angekommen.

Die Menschenrechtsorganisation "Terre des Femmes" schätzt, dass in München 800 Mädchen von dieser rituellen Verstümmelung bedroht sind.
Alle Migrantinnen wissen schon, dass die Genitalverstümmelung in Deutschland verboten ist. Wenn ich im Ultraschall sehe, dass eine beschnittene Frau ein Mädchen erwartet, sage ich klar: „Dein Mädchen beschneidest du nicht. Wenn ich das rauskriege, gehe ich zur Polizei.“

Das Thema war als neues Problem ein regelrechter Schock für die Münchner Stadtgesellschaft. Die meisten Menschen können kaum nachvollziehen, dass Sechsjährige zu "Ferienbeschneidungen" nach Afrika geflogen werden.
Ich verstehe den Schock. Mit dem Kopf, mit der Ratio, kann man dieses alte und grausame Ritual nicht verstehen, das Mütter ihren Töchtern antun.

Aberglaube: Wenn Baby Klitoris berüht, bekommt es Wasserkopf

Ihre Doktorarbeit zeigt ein Foto, auf dem ein Mädchen festgehalten wird. Die Beschneiderin kniet über ihr. "Warum machen Menschen das?", war als Studentin Ihre Frage.
Ich habe in meinem Heimatland Sudan recherchiert und bin bis heute nicht wirklich schlau geworden. Die Argumente sind je nach Region und Volksstamm völlig unterschiedlich. Es gibt den Aberglauben, die Klitoris sei böse und mache den Mann impotent. Es existiert die Vorstellung, ein Baby bekomme einen Wasserkopf, wenn es bei der Geburt mit der Klitoris in Berührung kommt. Ein gutes Mädchen aus einem guten Hause muss beschnitten sein, nur dann gilt es als sauber und rein und kann eine fromme Ehefrau abgeben.

Bei manchen Stämmen heißt es, große Schamlippen führten zur Nymphomanie. Darum müssen sie weg.
Das Ritual wird als Schutz für die Mädchen dargestellt, damit sie kein Sexualverlangen entwickeln. Man sagt: Nur Prostituierte sind nicht beschnitten.

Das ist eine brutale Unterdrückung der Sexualität der Frau.
Sie geschieht aber unterschwellig. Diese Absicht wird nie offen ausgesprochen. Sexualität ist ein Riesen-Tabu. In diesen Gesellschaften geht es darum, dass die Frau sich dem Ehemann unterordnet und so in Schach gehalten wird. Das ist meine Meinung.

Warum finden sich Frauen immer noch mit dieser Menschenrechtsverletzung ab?
Die Frauen wollen dazugehören. Sie alle wollen ihren Platz in der Gesellschaft finden. Das muss man verstehen. Außerdem wurde ihnen die Verstümmelung als Kind angetan. Sie konnten sich nicht wehren. Mütter haben manchmal Angst, jetzt die Tradition zu brechen, weil sie fürchten, dass ihre Töchter unter einem schlechten Ruf leiden könnten.

In Somalia, Mali, Nigeria, Sudan, Äthiopien, Senegal, in Sierra Leone, in Kenia, Tansania auch in Libyen – in fast allen Ländern der Sahel-Zone wird dieses Verbrechen an Mädchen noch praktiziert, in unterschiedlichen Schweregraden und Häufigkeiten.
Aufklärung in Afrika und im arabischen Raum passiert, aber es ist schwer. Die Lage ändert sich langsam, aber die Tradition ist tief verwurzelt. Beschneiderinnen geben ihren Job nicht freiwillig auf. Das ist ihr lukrativer Nebenverdienst.

In Frankreich, wurde bekannt, sind Beschneiderinnen extra eingeflogen worden.
Von so etwas habe ich in Deutschland nie gehört. Hierzulande wird Druck ausgeübt, damit die Menschen verstehen, dass die weibliche Genitalverstümmelung verboten ist. Eltern, die sie zulassen, machen sich seit 2013 strafbar.

Sie sagen: Eltern können die Konsequenzen für ihre Mädchen noch nicht absehen, wenn sie mit der Tradition brechen.
Aber auch viele Geflüchtete haben verstanden. Viele Paare und gebildete Leute sind erleichtert, dass Genitalverstümmelung in Deutschland verboten ist. Ich spreche hier von Frauen wie Männern.

Weil sie ihrer Familie hier keine Rechenschaft mehr schuldig sind?
Genau. Die Mädchen entkommen der Verstümmelung.

Was erhoffen Sie sich in dieser Hinsicht für die Zukunft?
Dass es mit diesem schlimmen Ritual geht, wie mit anderen Ritualen, die im Lauf der Generationen aufgegeben werden: Meiner Oma im Sudan wurden kurz vor ihrer Hochzeit mit der Rasierklinge drei tiefe Stammeszeichen in die Wangen geritzt. Ohne Narkose. Meiner Mutter ist das nicht passiert. Und ich, Eiman, ein Mädchen aus Karthum in Afrika, durfte zum Medizinstudium nach Deutschland.

In Ihrem Arbeitsalltag ringen Sie um Menschlichkeit.
Ich habe als Motto ein arabisches Symbol auf meinem Praxisschild. Es bedeutet: "Bitte um Heilung". Und ich möchte noch erwähnen: Was ich jeden Tag mache, das mache ich auch für die Mädchen, die an den Folgen der Genitalverstümmelung gestorben sind, zu der sie nichts zu sagen hatten. Jetzt stehe ich hier – im Kampf für die Lebenden.

 

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