Missbrauchsvorwürfe im Bistum Würzburg Jetzt äußert sich das Opfer zu den Vorfällen

, aktualisiert am 01.04.2016 - 14:45 Uhr
Das Eingangsportal von „Himmelspforten“, dem Exerzitienhaus der Diözese Würzburg, das für das Missbrauchsopfer Alexandra Wolf zur Hölle wurde. Hinter diesen Mauern hat sie Schreckliches erlebt und leidet bis heute an den Folgen. Foto: dpa

Zu den Vorwürfen im Bistum Würzburg äußert sich jetzt die Betroffene. Sie erzählt, wie es ihr als Opfer ergangen ist, als die Kirche behauptete, dass ihre Berichte nicht der Wahrheit entsprechen.

 

Alexandra Wolf spricht ruhig. Aus ihrer Stimme ist weder Aufregung noch Wut herauszuhören, als sie in einem Radio-Interview mit dem „Bayerischen Rundfunk“ erzählt, was mit ihr vor knapp 20 Jahren passiert ist. Die 44-Jährige redet bestimmt und sachlich. Es ist die Stimme einer Frau, die Schlimmes erlebt hat, die fast daran zerbrochen wäre, aber doch noch die Kraft findet, um für Gerechtigkeit zu kämpfen.

Alexandra Wolf ist 1988 als 17-Jährige im Exerzitienhaus „Himmelspforten“ von einem hochrangigen Geistlichen – dem damaligen Missbrauchsbeauftragten des Bistums Würzburg – zum Oralsex gezwungen worden. Danach ist sie traumatisiert, leidet unter anderem an Panikattacken und Schlafstörungen, verbringt sechs Wochen auf einer Trauma-Station. In dem Interview mit dem „BR“ erzählt die 44-Jährige dann noch von einem anderen Missbrauch. „Den zweiten“, wie sie ihn nennt. Der ist für sie im Grunde genauso schlimm wie das, was vor knapp 20 Jahren in dem Exerzitienhaus mit ihr passiert ist: Eine kirchliche Voruntersuchung zu ihrem Fall kam vor einigen Jahren zu dem Ergebnis, dass der von ihr behauptete Missbrauch mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals stattgefunden hat.

Für die Alexandra Wolf war das ein Schlag ins Gesicht. „Es ist nicht schön, als Opfer so dargestellt zu werden, als wäre dieses Geschehen nie gewesen. Das ist unglaublich hart und ich fühle mich, ehrlich gesagt, auch dadurch erneut missbraucht.“ Die Frau erzählt von ihrer Anhörung vor dem Generalvikar, die für sie traumatisch war. „Es war für mich eine ganz enorme Belastung, ins Generalvikariat zu gehen und vor einem Menschen zu sitzen, der den gleichen Stand hat wie der Beschuldigte. Ich hätte mich da fast übergeben, und damit war auch die Anhörung beendet.“

Über den Missbrauchsfall hat Anfang der Woche „Der Spiegel“ erstmals berichtet. Er stützt sich auf Fakten aus einem 1300 Seiten umfassenden Aktenbericht zu dem Fall Wolf, aus dem unter anderem hervorgeht, dass der beschuldigte Geistliche immer wieder Einfluss auf seinen Fall genommen hat, die Diözese ihn geschützt und ihm Verfahrensvorteile verschafft hat. Das Kirchengericht München beurteilte die Vorwürfe gegen den Geistlichen schließlich als „unbegründet“.

Das Bistum Würzburg hat diese Anschuldigungen in dem „Spiegel“-Artikel zurückgewiesen und bestritten, dass die Diözese einen des sexuellen Missbrauchs beschuldigten Geistlichen geschützt hat. Es sei von Anfang an um eine saubere und minutiöse Aufarbeitung gegangen, sagte ein Bistumssprecher der „Katholischen Nachrichten-Agentur“ (KNA). Mittlerweile gibt es auf der Homepage des Bistums eine öffentliche Stellungnahme. Darin wird bestätigt, dass es nach dem Missbrauchsvorwurf gegen einen hochrangigen Würzburger Geistlichen innerkirchliche Ermittlungen gab.

Sie seien aber auf Anweisung der vatikanischen Glaubenskongregation im Dezember 2015 eingestellt worden.

Nun wird der Fall Wolf aber doch noch einmal neu aufgerollt. Denn der heutige Missbrauchsbeauftragte des Bistums, der Kriminologe Klaus Laubenthal, hält die Vorwürfe für plausibel. Die Würzburger Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen. Juristisch gesehen, ist der Missbrauch vermutlich verjährt. Für Alexandra Wolf dürfte es aber zumindest eine kleine Genugtuung sein, dass sie nach all den Jahren endlich Gehör findet und ernst genommen wird.

Mehr Aufklärung

Kommentar von AZ-Redakteurin Verena Lehner zu den Würzburger Missbrauchsvorwürfen:

Der Würzburger Fall ist ein Paradebeispiel für das, was die Menschen – auch gläubige Katholiken – so wütend macht und an ihrer Kirche zweifeln lässt. Vertuschen, totschweigen, leugnen – diese drei Worte sind symptomatisch für den Umgang der katholischen Kirche mit den Missbrauchsfällen.

Von einer Kirche, die von ihren Gläubigen verlangt, ihre Sünden zu beichten und Buße zu tun, dürfte man eine ehrliche, lückenlose und saubere Aufklärung eines jeden einzelnen Missbrauchsfalles erwarten. Doch das geschieht leider nur ansatzweise. In der Oberpfalz, wo derzeit die Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen aufgearbeitet werden, wird schon vieles richtig gemacht. Die Ermittlungen liegen in der Hand eines neutralen Anwalts, Opfer werden gehört und haben eine Stimme. Das ganze Ausmaß der sexuellen Übergriffe wurde Anfang des Jahres ans Licht der Öffentlichkeit gebracht und nicht weiter vertuscht. Das ist der richtige Weg.

Natürlich kann dadurch das, was den Opfern passiert ist, nicht wieder gut gemacht werden. Aber es zeigt ihnen, dass sie ernst genommen und nicht mehr als die Nestbeschmutzer behandelt werden, die es wagen, Männer der Kirche eines Verbrechens zu beschuldigen. Denn das war es, was viele Missbrauchsopfer in den vergangenen Jahrzehnten erfahren mussten und – wie der aktuelle Fall in Würzburg zeigt – immer noch erfahren.

 

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