Menschenrechtler erheben schwere Vorwürfe Türkisches Grenzgebiet: Kinder im Kugelhagel

Verängstigt und verzweifelt: Syrische Flüchtlinge hinter einem Stacheldrahtzaun an der Grenze zur Türkei. Foto: dpa

Mit „offenen Armen“ empfängt die Türkei syrische Flüchtlinge. Das behauptet zumindest Ankara. Die Realität sieht anders aus: Laut Menschenrechtlern schießen die Grenzsoldaten auf die Schutzsuchenden

 

Sonntag, 17. April. Ein Schmuggler brachte uns an die türkische Grenze. Plötzlich, als wir nur 500 Meter vom Grenzwall entfernt waren, hörten wir Maschinengewehre. Kugeln schlugen neben uns ein. Die Frauen begannen zu schreien, die Kinder fingen an zu weinen, doch die Schüsse hörten nicht auf. Wir warfen uns alle auf den Boden, legten uns schützend auf die Kinder.

Ich lag neben meiner Schwester und meiner Cousine, die Kugeln trafen sie, als wir da lagen. Sie hörten auf zu schreien. Ich wusste sofort, dass sie getötet wurden.

Eine Kugel traf auch meine rechte Hand. Meine andere Cousine wurde ebenfalls getroffen. Sie schossen auch in beide Beine ihrer neunjährigen Tochter und in das rechte Bein ihres fünfjährigen Sohnes.

Ich habe es gesehen.

Das ist die Geschichte eines Syrers aus der Nähe der umkämpften und zerbombten Stadt Aleppo im Norden des Bürgerkriegslandes. Nachdem ihre Häuser durch Luftangriffe zerstört wurden, musste der Mann mit seinen Verwandten fliehen. Doch türkische Grenzsoldaten ließen sie nicht passieren – im Gegenteil: sie nahmen die Flüchtlinge unter Beschuss.

Dies ist nicht der einzige Augenzeugenbericht vom syrisch-türkischen Grenzgebiet, der von Schüssen auf Frauen und Kinder, von Schlägen und Misshandlungen gegen Flüchtlinge erzählt. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat die schockierenden Geschichten syrischer Asylsuchender zusammengetragen und gestern in einem Bericht veröffentlicht.

In einem Video zu dem HRW-Bericht sind Leichen mit Schusswunden zu sehen. Überlebende zeigen ihre Verletzungen, Knochenbrüche, Blutergüsse. Türkische Grenzbeamte haben sie misshandelt und geschlagen, erzählen die Syrer.

„Jene, die am meisten vom IS bedroht werden, sitzen in der Falle“

Alleine im März und April seien laut den Menschenrechtlern drei Flüchtlinge und zwei Schmuggler getötet und 14 Menschen verletzt worden. Unter den Toten soll auch ein 15-jähriger Junge sein. Die meisten Vorfälle ereigneten sich nach HRW-Angaben an der Grenze südlich der türkischen Stadt Antakya.

Obwohl türkische Regierungsvertreter immer wieder beteuern, Flüchtlinge aus Syrien mit offenen Armen zu empfangen, töten und schlügen Grenzbeamte die Migranten, kritisiert HRW-Sprecher Gerry Simpson. „Die ganze Welt redet davon, den IS zu bekämpfen. Aber jene, die am meisten vom IS bedroht werden, sitzen in der Falle“, sagt er. Die Grenze zwischen Syrien und der Türkei ist laut den Menschenrechtlern seit August 2015 geschlossen.

HRW fordert die türkische Regierung auf, die „exzessive Gewalt“ zu stoppen und die Grenzen für die Schutzsuchenden wieder zu öffnen. Simpson kritisiert auch die Europäische Union. Deren Flüchtlingspolitik führe dazu, dass die Türkei Migranten abweise.

HRW und Amnesty hatten der Türkei in der Vergangenheit zudem immer wieder vorgeworfen, Flüchtlinge zurück nach Syrien zu schicken. Ankara bestreitet das.

 

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