Memoiren aus der deutschen Gründerzeit Else Sohn-Rethel: Ein geglücktes Leben

Der Schriftsteller Hans Pleschinski Foto: dpa

Der Münchner Autor Hans Pleschinski hat die Erinnerungen von Else Sohn-Rethel herausgebeben

Er ist der Autor für die besonderen Geschichtsstunden: Hans Pleschinski hat den Briefwechsel zwischen Voltaire und Friedrich dem Großen übersetzt und herausgegeben, sowie die Briefe der Madame de Pompadour. Die Memoiren des wenig bekannten Herzogs von Croÿ wurden dank Pleschinski zu einem Bestseller. Und mit seinem jüngsten Roman „Königsallee“ hat er selbst die Thomas-Mann-Experten begeistert. Für die Schilderung des (fiktiven, aber geplanten) Wiedersehens des Literaturnobelpreisträgers mit Klaus Heuser, in den er sich drei Jahrzehnte zuvor verliebt hatte, recherchierte Pleschinski im Archiv von Heusers Nichte Sabine Benser-Reimann und deren Nichte Julia Lambert. Das hatte Folgen: „Königsallee“ erlebte nicht nur eine Düsseldorfer Bühnenadaption, die kunstbeseelten Damen hatten noch einen unerwarteten Fund für Hans Pleschinski: die Lebenserinnerungen von Klaus Heusers Großmutter Else Sohn-Rethel (1853 - 1933), die Pleschinski nun unter dem Titel „Ich war glücklich, ob es regnete oder nicht“ herausgegeben hat.

AZ: Herr Pleschinski, hatten Sie je zuvor von Else Sohn-Rethel gehört?

HANS PLESCHINSKI: Nein, erst im Zuge der Recherche über Klaus Heuser. Die beiden Damen hatten mir oft erzählt, dass es die wilde Else in der Familie gegeben habe, die Stamm-Mutter gewissermaßen, die aber in geflügelten Worten noch weiter lebte. Die beiden Damen haben Elses Lebenserinnerungen auf dem Dachboden entdeckt und mir zugeschickt. Ich dachte sofort: Den Schatz muss man veröffentlichen. Das ist ein einmalig schönes, geschlossenes Zeitbild der Belle Époque und der Gründerzeit in Deutschland. Else Sohn-Rethel hat diese Rückschau im Alter von fast 80 Jahren verfasst und wollte sie wohl auch veröffentlichen. Dann starb sie aber, zudem begann die Nazi-Diktatur. Im Krieg verbrannten die Originale, doch ihr Schwiegersohn, der berühmte Maler Werner Heuser, hatte die Erinnerungen zum Glück vorher abgetippt.

Worin genau bestand Ihre Arbeit?

Ich habe zunächst einmal den Lektor gespielt, den sie nie hatte. Außerdem habe ich die Stellen ausgespart, die heute kaum mehr verständlich oder bedeutsam sind, und ich musste viele Namen recherchieren und erklären. Die Hauptaufgabe bestand darin, die Memoiren durch Kommentare, Zwischentexte zu ergänzen, damit sie nicht nur als private Erinnerung im Raum schweben, sondern die Zeitbezüge deutlicher werden. Es war schwierig, das Buch zu illustrieren, die Rechte für manche Bilder zu erwerben. Ich suchte dann ein Bild ihres Vaters, des Malers Alfred Rethel, fand es aber nirgendwo. Ich rief verzweifelt bei den Damen in Düsseldorf an, und die sagten: „Ach, das hängt bei uns im Eingang.“

Der Ton der Erinnerungen hat Sie sofort begeistert?

Else hat mich betört, es ist ein absolutes Frühlingsbuch, ein Frühling des Lebens in unseren Krisenzeiten. Wir haben es bei Else mit einem Naturell zu tun, das vivace und heiter gestimmt ist – von Geburt an. Und damit im Grunde aus dem deutschen Rahmen herausfällt. In ihr gibt es eine Lebensbejahung, die sie in ihren Erinnerungen zum Schwingen bringt. Sie hatte Glück, in so großen Wohlstand hineingeboren zu werden. Sie fügt aber auch hinzu: „Ich hoffe, dass ich diese guten Verhältnisse nie missbraucht habe.“ Sie ist beschwingt und demütig. Ihre Memoiren haben den Duft eines Gemäldes von Renoir.

Es ist verblüffend, wie zielsicher sich in dieser Familie über Generationen Geld und Kunst verbinden.

Ihr Urgroßvater Oppenheim hatte Geld genug und bestand darauf, dass Künstler in die Familie einheiraten, keine Finanziers und keine Beamten, er wollte sich schließlich nicht langweilen! Auch die Nachfahren sollten Künstler ehelichen. Das muss man mit dem Verhältnis von Geld und Kultur heute vergleichen. Welcher Banker heute möchte unbedingt Bohemiens in seiner Familie?

An den Salons der Familie hätte auch Hans Pleschinski gerne teilgenommen?

Maler, auch Musiker, machten dort mehr Effekt als Schriftsteller. Else schildert mit leichter Hand, aber sehr einfühlsam, deren Probleme und Arbeit. So wie ihr Schwager Wilhelm an einem Gemälde zugrunde geht, weil er sich nicht zwischen Form und Farbe entscheiden kann. Eine wahre Tragödie: Ein Maler, der an seinem unvollendeten Werk stirbt. Else Sohn-Rethel schwamm in den Künsten wie ein Fisch im Wasser, sie kannte nichts anderes. Der Vater ein berühmter Maler, ihr Mann ebenso. Das Buch ist auch eine singuläre Geschichte über die deutsche Malerei im 19. Jahrhundert. Die deutsche Porträtkunst war weltweit gefragt, und Düsseldorf war das Malereimagazin mit rund tausend Künstlern in der Stadt.

Elses Mann, der Maler Carl Sohn, erlebt einen erstaunlichen Aufstieg.

Ich war schon mitten in der Arbeit an dem Buch, da meldeten sich wieder die Düsseldorfer Damen, sie hätten noch etwas auf dem Dachboden entdeckt: Die Erinnerungen von Carl Sohn an seine Zeit als Hofmaler Queen Victorias. Ich habe nur gesagt: „Her damit!“. Das ist einmalig: Schilderungen aus dem puren Alltag eines Künstlers, gehetzt von den Auftraggebern. Und dass diese die britische Königin und die französische Kaiserin sind, macht es wahrlich nicht uninteressanter. Ich war für jeden Satz Queen Victorias dankbar.

Die Religion spielt seltsamerweise keine Rolle in Elses Erinnerungen.

Ja, die Konfession scheint belanglos für sie gewesen zu sein. Es gibt eine unglaubliche Besonderheit in diesen Memoiren einer Frau, die aus einer jüdischen Familie stammt: Es kommt nicht eine einzige Erwähnung von Antisemitismus vor.

Vielleicht hat sie solche Anfeindungen in ihrer Künstlerwelt nicht erlebt?

Das ist eine Möglichkeit. Aber ich habe die Hoffnung insgeheim, dass es tatsächlich auch längere Phasen in Deutschland gab, in denen das Land relativ frei war von Rassismus. Vielleicht hat sie einen glücklichen geschichtlichen Moment erlebt. Es waren allerdings auch Judenfeinde in ihrem Haus zu Gast: Hoffmann von Fallersleben etwa, ein Antisemit, der sich aber offenbar gerne an den reich gedeckten Tisch setzte. Eigentlich zeigen die Memoiren das Gelingen der deutsch-jüdischen Assimilation. Die jüdischen Deutschen waren oft die kulturbewussteren Bürger, weil sie sich über Kunst und Kultur als Deutsche definierten. Man spürt in Elses Memoiren die Vision eines schönen, beschwingten Deutschland. Sie spiegeln eine Zeit, in der Harmonie zu gelingen schien. Es kam dann leider schrecklich anders.

Das Buch spielt gar nicht in der von Ihnen präferierten Zeit.

Ich wurde immer festgelegt auf das 18. Jahrhundert und das Heitere, was natürlich völliger Unsinn ist, meine Interessen sind weiter gespannt. Die im Buch beschriebene Zeit ist heute leider arg vergessen: ein von der Welt geschätztes Deutschland. Man bereiste deutsche Bäder, bestellte Porträts bei deutschen Malern. Das Land war ein Kunstdorado, ein Zentrum der Musik, und davon vermittelt das Buch einen Abglanz. Es ist mir wichtig, an alles Positive zu erinnern, was vor dem Ersten Weltkrieg und vor Hitler unser Land prägte.

Wie schon bei Ihrem Buch über den Herzog von Croÿ erweist sich: Es sind nicht unbedingt die großen Namen, die die spannenden Erinnerungen hinterlassen.

Es gibt die grandiosen Erinnerungen Bismarcks, aber die sind stilisiert. Menschen aus der zweiten Reihe haben es nicht nötig, etwas zu schönen, weil sie sich vor keiner Nachwelt rechtfertigen müssen. So war das beim Herzog von Croÿ, und so ist es bei Else Sohn-Rethel. Sie tummelte sich fidel in ihrer Zeit, sie hatte nicht das Gefühl, sie hinterließe ein gültiges Bild des 19. Jahrhunderts. Ihr Leitmotiv ist: Das habe ich erlebt. Rousseau wollte mit seinen Erinnerungen die Welt erziehen. Wenn Else das gelungen wäre, dann feierten wir ganzjährigen Künstlerkarneval.

Wir begegnen in diesem Buch viel Kunstprominenz: Else sieht Richard und Cosima Wagner in Venedig, bewundert Liszt ebenso live wie Brahms – und sie weint vor Ergriffenheit stundenlang nach einer Othello-Aufführung.

Die Wirkung von Kunst war unmittelbarer als heute, auch was die Malerei angeht. Musik erlebte man live, oder man musizierte selbst. Else sang selbst ausgezeichnet, auch schwerste Partien. Es ist für mich auch anrührend zu sehen, wie die Menschen Geselligkeit lebten: Man gestaltete etwas gemeinsam, Konzerte, Scharaden, Theateraufführungen. Es gibt diese überwältigenden Fahrten auf der Elbe, Picknicks, Maskeraden, alles detailliert und liebevoll geschildert.

Was ist für Sie das Einzigartige an Elses Schilderungen?

Sie gewährt Einblicke in eine Welt, die verschwunden ist. Wir erleben aber auch den Übergang zur Moderne, die Vorboten unserer Welt: Kutschen werden auf Eisenbahnwaggons aufgeladen, nach einer schweren Geburt greift sie zum ersten Mal zu Nestlé-Nährprodukten. Vor allem Elses Freiheit und Selbstständigkeit ist für mich zart überwältigend. Trotz Ehemann und Kindern bleibt sie selbstbestimmt. Ihre Memoiren sind das Zeugnis eines geglückten Lebens.

Ist für Sie die Arbeit an so einem Buch Entspannung zwischen den eigenen Romanen?

Die Arbeit ist ein wenig entspannender, weil ich mich nicht so „ausweiden“ muss, aber der Arbeitsaufwand ist ähnlich. Die Übersetzungs- oder Herausgeberbücher sind wie ein Puffer für mich zwischen den eigenen Romanen. Das hat sich bewährt und macht großen Spaß. Und so fügt sich für mich alles zu einem Bild: an Vergessenes zu erinnern und unseren Zeitblick zu erweitern. Für mich gibt es keine Vergangenheit, sondern nur abwesende Gegenwart. Für mich gibt es auch keine Toten, sondern nur abwesende Lebende. Daraus resultiert ein immenses Panorama von Menschen, die mir wichtig sind.

Hans Pleschinski stellt „Ich war glücklich, ob es regnete oder nicht“ (C.H. Beck, 256 Seiten, 22.95 Euro) am 4. April im Literaturhaus vor, Karten unter 089/ 29 19 34 27

 

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