Meinung Bösartig und perfide

Georg Thanscheidt, Vize-Chefredakteur der AZ, über das Buch von Thilo Sarrazin. Foto: dpa

AZ-Redakteurin Anja Timmermann, über die Äußerungen von Thilo Sarrazin. Ein selbst-gerechter Mann labt sich an der Provokation.

 

Vor ein paar Jahren konnte man ihm noch eine gewisse erfrischende Art und halt ungeschminkte Schnauze zubilligen: Ja, stimmt schon, dass manche Hartz-IV-Empfänger viel fernsehen; und stimmt auch, dass es bei der Integration Probleme gibt.

Was Thilo Sarrazin inzwischen macht, ist jenseits von gut und böse. Das hat mit tapferem Finger-in-die-Wunde legen nichts mehr zu tun. Das ist eine krude, blasierte und gefährliche Mischung aus altbekannten Tatsachen, die aber als Wahnsinns-Tabubruch verkauft werden, pseudo-statistisch verbrämten Halb- bis Viertelwahrheiten und schließlich bösartigen und perfiden Unterstellungen. Vor allem letztere – der dumme, gemüseverkaufende, sexuell frustrierte Moslem – lesen sich ähnlich fundiert wie das Lamento von Glatzköpfen in der mecklenburgischen Pampa, ohne die vielen Ausländer im Dorf (bestimmt 0,2 Promille) hätten sie alle tolle Jobs.

Dass er auf so eine Resonanz stößt, liegt auch daran, dass das Thema Integration lange nicht angegangen wurde. Die Union hat immer so getan, als gebe es keine Ausländer; das linke Lager hat sie pauschal zu guten Menschen erklärt, was für kein Volk der Welt stimmt. Langsam beginnt eine ernsthafte Auseinandersetzung. Doch darum geht es Sarrazin längst nicht mehr. Da labt sich ein sehr selbstgerechter Mensch an dem Echo auf seine Provokationen; und selbstredend an den Euros, die er mit dieser PR-Kampagne für sein neues Buch verdient.

 

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