Mehr Sport Warum haben Sie nicht abgebrochen?

Erst als der Ringgong ertönt ist, stellt sich Ian John-Lewis schützend vor Briggs, der von Klitschko schwerst getroffen wurde. F: nordphoto Foto: az

Der britische Ringrichter Ian John-Lewis, ein Ex-Boxer, ließ den Kampf laufen, weil es ein WM-Fight war.

 

AZ: Herr Lewis, Shannon Briggs hat beim WM-Kampf gegen Weltmeister Vitali Klitschko fürchterliche Schläge en masse genommen und dabei schwerste Verletzungen erlitten. Warum haben Sie als Ringrichter den Kampf nicht abgebrochen?

IAN JOHN-LEWIS: Ich muss zugeben, ich war mehrfach ganz nahe dran, ich habe die Szenen sehr genau beobachtet und Klitschko hat Briggs in diesem Kampf wirklich die Seele aus dem Leib geprügelt. Nicht nur einmal habe ich mir gesagt, wenn er jetzt noch ein, zwei Mal voll trifft, dann schreite ich ein.

Entschuldigung, warum sind Sie dann nicht eingeschritten? Briggs hat über die zwölf Runden schwerste Treffer genommen!

Ja, aber er war nie verteidigungsunfähig, er hat immer wieder noch selber ein paar Schläge angebracht. Es war eine Situation auf Messers Schneide, aber ich denke, da hat mir meine eigene Erfahrung als Boxer geholfen. Ich war die Nummer sechs in England im Weltergewicht. Ich habe gesehen, dass Briggs noch gegenhalten kann. Er ist ein Ringveteran, der in vielen Schlachten war, er war sich bewusst, was er tat. Aber es ist richtig, wenn es sich nicht um einen WM-Kampf gehandelt hätte, wenn es nicht um die Krone im Schwergewicht gegangen wäre, dann hätte ich den sicher Kampf abgebrochen. Ich habe immer wieder zu seinen Trainern geschaut, ob die mir ein Zeichen geben, aber da kam nichts.

Im Gegenteil, die hatten Ihnen bei dem vorgeschriebenen Treffen am Tag vor dem Kampf, dem Rules-Meeting, bei dem noch mal alle Regeln durchgegangen werden, eine klare Ansage gemacht.

Das stimmt, seine Trainer sagten, dass Shannon auf keinen Fall will, dass abgebrochen wird. Ich sollte nur eingreifen, wenn es absolut aussichtslos ist. Ich habe zwar die letzte Entscheidung, aber man respektiert auch den Willen der Kämpfer, solange das vertretbar ist. Es war ein brutaler Kampf, aber unter den Umständen, wenn man bedenkt, dass es um die Krone im Boxen ging, musste man aus der Situation heraus, wie sich in dem Moment dargestellt hat, nicht zwanghaft abbrechen.

Interview: Matthias Kerber

 

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