Mehr Sport „Es könnte Stefan sein, den’s da erwischt“

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Zwei Wochen nach dem Unfalltod des Japaners Tomizawa geht die Motorrad-Titeljagd weiter. Der junge Bayer Bradl (20) ist dabei. Hier spricht sein Vater Helmut, selbst früherer Weltklassefahrer, über die Angst, die mitfährt.

 

Von Florian Kinast

AZ: Herr Bradl, der Große Preis von Aragon am Sonntag ist das erste Rennen nach dem Tod des Japaners Tomizawa vor zwei Wochen in Misano. Haben Sie nun noch mehr Angst um Ihren Sohn?

HELMUT BRADL: Das weiß ich noch nicht. Die Angst ist ja immer da. Ich habe ja nie gesagt, der Bub soll Motorrad fahren. Mir wäre es eh’ lieber, der würde Tennis spielen oder Fußball. Aber er hat es sich ja ausgesucht. Und so einen Unfall, so schlimm und tragisch das ist, hat es zu meiner Zeit auch schon gegeben, und den wird es auch immer geben.

Kurzum: Zurück zum Alltag?

Das alles ist sehr bedrückend. Im ersten Moment war ich natürlich fix und fertig. Als ich das an der Strecke gesehen habe, habe ich sofort gedacht: Das könnte jetzt auch der Stefan sein, den es da erwischt hat. Das ist schrecklich. Aber was soll man machen? Gibt ja nur zwei Möglichkeiten.

Und zwar?

Entweder du fährst weiter, oder hörst auf. Wenn du im Sport bei jedem Unfall aufhören würdest, dann würden viele Disziplinen aussterben. Beim Reiten haut’s auch manchmal einen vom Pferd runter, und der bricht sich das Genick. Und beim Bergsteigen kann es dir passieren oder wenn du aus der Haustür gehst. Wichtig ist, dass die Tomizawas Unfall analysieren und die richtigen Wege einschlagen.

Was muss für die Sicherheit im Motorrad-Sport noch getan werden?

Nur ein Beispiel: Da gibt es auf den Rennstrecken diesen Teppich hinter dem Randstein. Kunstrasen, den die Autofahrer gerne haben. Bei den Autos ist das nicht so wild, die schleudert es ein bisserl rum, das war’s. Aber beim Motorrad hat das fatale Folgen, darum muss der Teppich weg. Ohne den Teppich drückt dich bei Tempo 200 die Fliehkraft nach außen, dann bist halt im Kiesbett. Mit dem Teppich aber fängt sich die Maschine wieder und du kommst unkontrolliert zurück auf die Piste. So war’s beim Tomizawa auch. Das war sein Verhängnis.

Denn da kamen Scott Redding und Alex de Angelis und haben ihn überrollt, weil sie nicht mehr ausweichen konnten. Nach dem Unfall bemängelten Sie auch, das Fahrerfeld in der Moto2-Klasse sei zu groß. Sind es zu viele Fahrer oder zu schlechte?

Ein Limit von 30 Fahrern pro Rennen, das würde doch völlig reichen. Wenn 50 zum Training kommen, dann müssen halt 20 wieder heim. War bei uns damals auch nicht anders. Da sind 90 am ersten Trainingstag angereist, 36 haben fahren dürfen. Mehr nicht. Stattdessen haben sie jetzt diese 107-Prozent-Regel.

Die besagt, dass jeder, dessen Zeit innerhalb von 107 Prozent der Zeit des Trainingsschnellsten ist, mitfahren darf.

Genau. Und darum qualifiziert sich ja auch fast jeder. Das ist viel zu großzügig ausgelegt. Das ist viel zu eng alles, gerade wenn du so ein paar Junge und Halbwilde hast. Die stieren da in die erste Kurve rein, und dann gibt es halt die Massenkarambolagen. Wie in der Formel 1 eben auch.

In der Formel 1 sind die Autos seit dem Tod von Ayrton Senna 1994 sicherer geworden. Würde Senna mit einem heutigen Boliden in Imola wie damals in die Mauer fahren, bliebe er wohl nahezu unverletzt.

Es hat sich schon was verbessert. Mein Sohn hat ja auch einen Airbag am Genick, der bei einem Aufprall aufgeht. Das war’s aber auch schon. Eine Knautschzone hast du bei uns halt nicht, kannst ja schlecht eine Karosserie ums Motorradl herumbauen. Die Knautschzone ist dein Körper. In der Formel 1 sitzen sie im Schalensitz und müssen mit den Händen Lenkrad und Hebel bedienen, das war’s. Bei uns ist viel mehr Dynamik drin, der Hintern, der ganze Körper in Bewegung. Das wird auch immer so sein.

Wird sich vielleicht bei der Solidarität unter den Fahrern etwas ändern? Sie sagten mal, die Motorrad-WM gleiche einem Haifischbecken. Glauben Sie, dass dieser Unfall zu mehr Zusammenhalt unter den Fahrern führen wird?

Nein. Das wird bald wieder so sein wie vorher. Da ist sich jeder selbst der Nächste. Jeder will Weltmeister werden, auf der Strecke gibt’s dann keine Freundschaften mehr.

Der Rennveranstalter soll den Tod Tomizawas bewusst verschwiegen und erst nach dem Grand Prix verkündet haben, um die Rennen ja nicht abbrechen zu müssen. Zynismus ist wohl Teil des Geschäfts.

Wo sie ihn weggetragen haben, hat er den Arm nicht runterhängen lassen, also gehe ich davon aus, dass er noch am Leben war. Aber wann er gestorben ist, das weiß der Arzt, nicht ich. Aber natürlich muss das Geschäft nun weiter gehen. Die ganzen TV-Rechte, die Fernsehübertragungen, da hängen ja Millionen dran. Es ist hart und schwer, aber irgendwie geht es doch weiter.

Auch bei Ihnen? Sie wurden Ende Mai im Allgäu auf Ihrem Motorrad von einem Autofahrer böse über den Haufen gefahren, erlitten Arm- und Rippenbrüche, einen Leber- und einen Milzriss. Sind Sie wiederhergestellt?

Ja, zum Glück bin ich fast wieder komplett in Ordnung. Da hat mich ein 84-Jähriger übersehen. So etwas zeigt dir ja auch, du bist nirgends 100 Prozent sicher.

Aufs Motorrad steigen Sie aber trotzdem wieder, oder?

Natürlich, das lasse ich mir doch nicht nehmen. Das macht mir so viel Spaß, das ist mein Leben. Wenn ich bei allem, was einmal schlecht läuft, sagen würde, das mache ich nicht mehr, dann brauche ich nicht mehr aus dem Haus zu gehen. Wenn ich vor der Angst immer davonlaufen würde, dann könnte ich das ganze Leben hinschmeißen.

 

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