Medienprofi statt Natürlichkeit? Lena Meyer-Landrut: Vom Girlie zum Werbegesicht

Lena in der Kampagne für "L'Oréal Paris" Foto: Instagram/lenas_view

Lena Meyer-Landrut hat eine Verwandlung hingelegt. Neben musikalischem Erfolg, ist die 22-Jährige das neue Werbegesicht von L'Oréal Paris.

 

Deutschland - Sie ist damals süße 18, als sie 2009 zum ersten Mal in Stefan Raabs Show "Unser Star für Oslo" singt. Mit "My Same" von Adele versucht die Schülerin Lena Meyer-Landrut (22) das Publikum von sich zu überzeugen. Sie will auf die ganz große Bühne: zum Eurovision Song Contest 2010 in Norwegens Hauptstadt. Und was sie sich in den Kopf setzt, das gelingt auch. Unschuldig, charmant, das typische Mädchen von nebenan, nur eben mit einer so außergewöhnlichen Stimme, die sie von Anfang an zur Favoritin macht. Im Finale setzt sie sich gegen Konkurrentin Jennifer Braun durch.

Knapp vier Jahre später ist Lena nun also das Werbegesicht der Beauty-Marke "L'Oréal Paris". Aus ihr ist eine echte Lady geworden, die mehr und mehr mit der Welt der Schönen und Reichen verschmilzt. Natürlichkeit weicht "Sex Sells", Sie ist vom Girlie zum Medienprofi herangewachsen. "Ladys and gents, ich darf feierlich verkünden: Ich bin die neue Markenbotschafterin von L'Oreal Paris!!!", schrieb Lena vor wenigen Tagen auf ihrem offiziellen Twitter-Account. Es heißt jetzt also erst einmal "Casting Crème Gloss" statt "Natur pur". Hätte man sich das vor vier Jahren vorstellen können?

2010 brach in Deutschland der Lena-Hype aus. Die Siegersingle aus der Show "Unser Star für Oslo", "Satellite", platzierte sich auf Anhieb an der Spitze der deutschen Charts, die Hannoveranerin punktete mit Natürlichkeit, liebenswerter Naivität, Fröhlichkeit und Optimismus. In Gesprächen vor dem ESC gab sie sich diplomatisch und bescheiden, auch das kam gut an. "In Kategorien wie 'Kampf' zu denken, liegt mir nicht", oder "Wenn alle sagen 'Das hat sie toll gemacht', wäre ich wahnsinnig stolz", wich sie beispielsweise 2010 in einem "Spiegel"-Interview geschickt den Fragen nach Konkurrenzkampf und Siegeswillen aus.

Auch ihr Privatleben hält sie bedeckt. Hat sie einen Freund? "Ich bin zum achten Mal zwangsverheiratet", lautete die Antwort. "Es soll doch der Gesang im Vordergrund stehen und nicht das Private". Privat war sie zu dieser Zeit ohnehin schwer beschäftigt, denn statt Medienrummel hieß es erst einmal Schulbank drücken, ganz souverän meisterte Lena nämlich neben Freudentaumel über den Sieg in der Show und Nervosität vor dem Auftritt in Oslo das Abi. Vorbildlich ist sie also auch noch, was will Deutschland mehr?

Und tatsächlich gelangt Lena im Anschluss das, worauf so viele gehofft hatten: Deutschland siegte beim ESC 2010 mit deutlichem Punktevorsprung vor der Türkei und Rumänien. Und das ganz ohne spektakuläre Kostüme und Inszenierung. In einem einfachen, schwarzen Kleid stand Lena auf der Bühne, darunter eine schwarze Seidenstrumpfhose, die braunen Haare fielen ihr in zarten Wellen über die Schultern. Das Make-up war schlicht, es gab keine außergewöhnliche Tanzperformance, lediglich ein paar Background-Sänger hielten ihr den Rücken frei. Einfach nur Lena, ein ganz normales Mädchen, das Spaß an Musik hat. Ein Teenager ohne Star-Allüren, der beinahe ein bisschen unbeholfen wirkt - zum Liebhaben.

Der Sieg feuerte das Phänomen Lena an, ein öffentlicher Auftritt jagte den nächsten, dazu die Arbeit an neuen Songs, jeder wollte ein Stückchen der deutschen Hoffnungsträgerin abhaben. Sie stand im Fokus. Beim Eurovision Song Contest 2011, sollte sie in Düsseldorf ihren Titel verteidigen. Der Song, "Taken By A Stranger", war im Vorfeld von den Fernsehzuschauern gewählt worden.

Doch diesmal sah alles anders aus. Schon bei ihrem Tourstart 2011 in der "O2 World"-Arena in Berlin, der gleichzeitig die Generalprobe für den Grand-Prix in Düsseldorf sein sollte, fanden sich nur 6000 Fans ein - gerade einmal halb so viele, wie in der Halle Platz gefunden hätten. "Ewa einen Monat vor der Verleihung des Grand-Prix in Düsseldorf scheinen die Sterne für Lena Meyer-Landrut nicht auf Erfolg zu stehen. Auch schien Lena ihre Leichtigkeit verloren zu haben.

Und auch der erneute Erfolg beim ESC bleibt aus. Nur Platz zehn erreichte Lena mit ihrer Elektropop-Hymne, Deutschland spekulierte woran es gelegen haben könnte. Schnell wurde die Vermutung laut, dass Lena einfach nicht mehr Lena sei. Ihr Auftritt nicht mehr jugendlich frech, sondern viel zu sexy. Smokey-Eyes, laszive Blicke und Bewegungen: Freude versprühte die dunkle Bühnenshow mit den mysteriösen Background-Tänzern wenig. Hatte Lena im Jahr zuvor noch mit ihrer Lockerheit gepunktet, so schien 2011 jede Geste und jeder Gesichtsausdruck einstudiert. Auch die "Mitteldeutsche Zeitung" urteilte hart: "Lena ist übers Jahr unübersehbar eine andere geworden: ernster, manchmal verkrampft und gern auch ein bisschen zickig. Kein Wunder, wenn man ein Mädchen von der Schulbank weg zum Star emporjazzt".

Wie zickig Lena tatsächlich sein kann, hatte sie schon vor der Show in einem Interview mit TV-Legende Frank Elstner bewiesen. Schnippisch fiel sie dem Moderator damals ins Wort, korrigierte ihn immer wieder und äffte ihn am Ende sogar vor laufender Kamera nach - keine Glanzleistung, das Video des beinahe unverschämten Auftritts löste eine Welle der Empörung aus.

Ganz trüben konnte der misslungene Triumph vom Doppelerfolg die Lena-Stimmung dann aber doch nicht. Mit "Stardust" kam Ende September 2012 ihr drittes Album auf den Markt, außerdem durfte sie 2013 neben Henning Wehland und Tim Bendzko in der Jury des Castingshow-Ablegers "The Voice Kids" sitzen.

Sie herzte, sie knuddelte, war überschwänglich euphorisch. Nanu, kam einem das nicht bekannt vor? Das Publikum erkannte: Was Nena bei "The Voice" ist, ist Lena bei "The Voice Kids", zugegeben ein wenig glamouröser. In High Heels stöckelte sie über die Bühne, die Zeiten in denen Lena in lässiger Hose, Tanktop und schneller Hochsteckfrisur zu Interviewterminen erschien, sind längst Vergangenheit. Alles wirkt eine Spur zu überdreht. "Sie ist immer so", sagen die anderen beiden Jury-Mitglieder über sie, wenn sie mal wieder durchs Studio tanzt. "Die Kinder mögen das wohl, für den Zuschauer ist anstrengend", schreibt der "Kölner Stadt Anzeiger" im März dieses Jahres.

Wo also ist sie hin, die Lena, die einfach nur ihr Ding durchzog, weil es ihr Spaß machte und nicht, weil es vielleicht medienwirksam sein könnte? Karrieretechnisch dürfte die mittlerweile 22-Jährige alles richtig gemacht haben, bleibt nur zu hoffen, dass sie sich auf dem Weg dahin nicht ganz verloren hat.

 

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