Matthew Barney in München Seelen-Recycling der gigantischen Art

Eine Filmszene aus Barneys Film „River of Fundament“, zu dem Komponist Jonathan Bepler den Klang geliefert hat. Foto: Hugo Glendinning © Matthew Barney Courtesy Gladstone Gallery, New York and Brussels

Der US-Bildhauer und Medienkünstler Matthew Barney hat in München einen Großauftritt: Mit der Ausstellung „River of Fundament“ im Haus der Kunst und einer Film-Oper

 

Grünes Basecap, kariertes Flanellhemd, blaue Workerjeans – gut eine halbe Stunde vor der Pressekonferenz hievt Matthew Barney noch eine Bank aus der Ausstellung. Mister Mastermind hat sehr präzise Vorstellungen, lässt nebenbei die Position eines Seils von der zentralen Installation „Boat of Ra“ im Hauptraum korrigieren, aber er packt eben auch selbst an.

Vom blassen, asketisch strengen Gesicht mit den zusammengekniffenen Augen sollte man sich nicht täuschen lassen. Muskelkraft, überhaupt Körperlichkeit gehört für ihn unbedingt dazu, und man hat immer wieder Mühe, das mit der weite Bereiche seines Œuvres umfassenden Transformationsesoterik zusammen zu bringen. Andererseits sind die mächtigen Skulpturen, die jetzt im Haus der Kunst um sich greifen dürfen, von einer unglaublichen Präsenz – und Körperlichkeit. Und ohne die Ausdauer und Kraft des Sportlers Barney wäre dieses gewaltige Siebenjahres-Projekt, das jetzt in München präsentiert wird, womöglich auf halber Strecke stecken geblieben.

Am Anfang war ein Buch – Norman Mailers phallusdominierter Roman „Ancient Evenings“ (Frühe Nächte), der im alten Ägypten spielt und in dem der Aristokrat Menenhetet drei Tode und die jeweiligen Wiedergeburten erlebt. Barney ersetzt die menschliche Seele durch ein Auto, und damit wird die Reinkarnation zum gar nicht schnöden Recycling. Eine raffiniert konzipierte Karosserien- oder besser Materialschlacht, die zwischen dem antiken Reich am Nil und der Autostadt Detroit mit ihren Stahlwerken, deren Aufstieg und Niedergang, pendelt, um dann doch das vermeintlich weit Entfernte in einen (Metall)Guss zu bringen.

25 Tonnen Metall und 5 Hochöfen im Einsatz

Am Ende stehen: ein rahmensprengender symphonischer (Musik: Jonathan Bepler) Fünf-Stunden-Film, der am Sonntag in der Bayerischen Staatsoper Europapremiere hat. Und die Skulpturen-Großschau, ergänzt durch zuweilen delikate, oft genug zarteste (Raum 3) Zeichnungen, Fotografien, Storyboards... Wobei die erwartete Gigantomanie in den Weiten des Troost-Baus überraschend fassbare Dimensionen annimmt. Selbst mit der ausladenden Eisenguss-Arbeit „Djed“, die bei einer Performance in Detroit live gegossen wurde. 25 Tonnen Metall und fünf Hochöfen waren damals im Einsatz. Das „Boat of Ra“ im Mittelsaal, bzw. die auf den Kopf gestellte Schreibstube Mailers mit bronzenem Pult und goldener Zwangsjacke, ist dann tatsächlich das Riesenflaggschiff der Schau – der entsprechende Mythos passt perfekt, denn das Boot von Sonnengott Ra fährt nachts in die Unterwelt, wo dieser mit dem Totengott Osiris verschmilzt, um mit der Morgensonne wieder neu geboren zu werden.

Man kann und soll diese Grande Opera mit ihren kammermusikalisch reizvollen Rezitativen gar nicht erst auf einen Strang bringen oder einer Deutung zuführen. Der „River of Fundament“, ja Barney, brauchen das Rätsel, die Unauflöslichkeiten und die Ungereimtheiten, um ihre Wirkmacht zu bewahren.

Haus der Kunst, 16. März bis 17. August 2014, 15. März 2014, 18 Uhr, Künstlergespräch zwischen Matthew Barney und Okwui Enwezor (auch im Livestream). Der ausverkaufte Film in der Staatsoper soll mehrfach wiederholt werden.

 

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