Martinsschule: Die AZ beim Klassentreffen nach 70 Jahren "Alle sind etwas geworden"

, aktualisiert am 10.09.2018 - 18:16 Uhr
Damals: Das Klassenfoto der fünften Klasse (vom ersten Schultag der ABC-Schützen war keines verfügbar) zeigt: An der Martinsschule war die Lederhose in den 50er Jahren fast so etwas wie die heimliche Schuluniform. Foto: privat

Heute ist Schulanfang: Die ABC-Schützen von 1948 besuchen 70 Jahre nach ihrer Einschulung noch einmal ihre Martinsschule

Landshut - Über kaum ein Gebäude in Landshut wurde in den letzten Monaten so viel gesprochen und geschrieben wie über die Martinsschule. Die künftige Nutzung des altehrwürdigen Hauses in der Oberen Neustadt sorgte für äußerst lebhafte, kontroverse Diskussionen in Rathaus und Stadtgesellschaft.

Ein Kreativquartier war im Gespräch, der Kauf durch die Unternehmensgruppe Eller mit einschlägiger Verwertung der Immobilie ist es immer noch, weitere Varianten können ab Herbst auf den Tisch kommen, wenn sich der Stadtrat der ultimativen Antwort auf die Frage nähert, welcher Interessent mit welchem Konzept den Zuschlag bekommen soll.

Die Zukunft der Martinsschule macht Schlagzeilen, doch man muss darüber ja ihre Vergangenheit nicht vergessen, die sich dieser Tage mittels eines erinnerungswürdigen Jubiläums in der Gegenwart zu Wort meldet. Im September 1948 war es, als die ersten Martinsschüler nach dem Krieg ihre Schullaufbahn begannen. 70 Jahre danach haben sich zehn der ABC-Schützen von damals mit dem AZ-Reporter in der Schule getroffen. Ein Ortstermin der besonderen Art.

Während des Krieges war die Martinsschule ein Lazarett

Zur historischen Korrektheit muss vorab Folgendes festgehalten werden: Der erste Nachkriegsjahrgang wurde zunächst nicht in der Martinsschule selbst eingeschult. Denn während des Krieges war dort ein Lazarett untergebracht, und erst nach einem entsprechenden Umbau konnte das Gebäude wieder als Schule genutzt werden, wie schon bei seiner offiziellen Einweihung 1879.

Am 15. September 1948 erfolgte die Einschulung der Kinder aus dem Sprengel der Martinsschule im Dienstmädchenheim in der Freyung (heutiges Jodokstift), erinnert sich Rudi Stark, der später als Fußball-Schiedsrichter und Hofmarschall der Narrhalla eines der bekanntesten Gesichter des Jahrgangs wurde, neben unter anderem Stadtwerke-Chef Erich Groß und Feuerwehr-Kommandant Elmar Schlittmaier.

Anschließend wurden die Erstklässler im Ursulinenkloster untergebracht, alsbald im damaligen Arbeitsamt (heutige Polizei) in der Oberen Neustadt, wo sie ihr eigentliches Schulhaus auf der anderen Straßenseite zumindest schon mal im Auge hatten.

1950 zogen Rudi, Elmar, Erich und weitere rund 50 Buben dann in die Martinsschule ein, samt Frau Eberl, der Lehrkraft. Folgt man den Quellen von damals, stand anfangs nur ein einziger Raum zur Verfügung, außerdem gab es einen kleinen Werkraum und ein Büro. Deswegen mussten die beiden Klassen quasi im Schichtbetrieb unterrichtet werden.

"Die Zeit war eine andere, die Sitten auch. Keiner kam ohne Watsch`n davon"

Schüler Rudi Schneider erzählt: "In der einen Woche waren wir vormittags von 8 bis 12.30 Uhr dran, in der anderen von 13 bis 17.30 Uhr. Jede Woche wurde gewechselt." Die Zeit war eine andere, und die Sitten in der Schule waren es auch. "Die Lehrer hatten Faustrecht", berichtet Elmar Schlittmaier.

70 Jahre danach steht er mit den Mitschülern von einst in einem Klassenzimmer und lässt die Gedanken schweifen: "Damals hat's keinen gegeben, der ohne Watsch'n davongekommen wäre." Im Einzelfall sei ein Bub schon mal eine Zeit lang auf den Schrank gehoben oder kurzzeitig aus dem offenen Fenster über die Neustadt gehalten worden.

Keine schöne Vorstellung für Helikopter-Eltern im Jahre 2018. Oder der Turnunterricht: "Wir üben jetzt das Umfallen", habe ein Lehrer namens Bauer angeordnet, nachdem sich die Buben exakt entlang einer Linie hätten aufstellen müssen. Für Rudi Stark mündete das damals in eine schmerzhafte Zahnverletzung.

Vieles kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Es wurde noch mit Koks geheizt, erinnert sich Stark. Und wenn an sehr kalten Tagen keine Kohle vorhanden war, gab es schon mal kurzerhand Koksferien. "Es war keine einfache Jugend", sinniert der heute 76- Jährige. Aber wenn man so zurückblicke, seien doch "alle etwas geworden", die 1948 in der Martinsschule eingeschult wurden.

Was aber wird aus der Martinsschule, in der 2005 der reguläre Schulbetrieb eingestellt wurde ? Seitdem gab es diverse - zeitlich und räumlich begrenzte - Teilnutzungen, und es gibt sie in sehr überschaubarer Zahl immer noch; so trifft sich hier die örtliche Kreisgruppe der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland.

Das Gebäude mit neuem Leben füllen

Was wird die Zukunft bringen für das stolze alte Gebäude, das mit seinen großen, hohen, hellen Räumen und einem Dachgeschoss so sehr den Wunsch nach einer würdigen Nutzung zu verströmen scheint ? Es versteht sich von selbst, dass frühere Schüler wie Rudi Stark oder Rudi Schneider diese Debatte mit besonders viel Herzblut verfolgen.

Warum nicht, fragt Stark, die Martinsschule zu einem Haus der Vereine machen, und zwar einem Haus vieler ganz unterschiedlicher Vereine ? Das Gebäude täglich mit Leben zu erfüllen, das wäre ein lohnendes, schönes Ziel. Nachdenklich fügt Rudi Schneider hinzu, es sei doch eigentlich traurig, dass eine innerstädtische Schule in so hervorragender Lage keine Zukunft habe, während ziemlich weit draußen neue Schulen gebaut würden.

Ein offizielles Klassentreffen steht noch bevor

Während also die Zukunft der Schulstadt Landshut Gestalt annimmt, pflegen die ABC-Schützen der Martinsschule von 1948 die Tradition. Ein Lehrer von damals lebt noch, Herr Schäffler, der den Jubiläumsjahrgang in der sechsten Klasse unterrichtete.

Wenn er es einrichten könne, werde er beim "offiziellen" Klassentreffen am Samstag, 15. September, 14 Uhr, beim Rieblwirt in der Freyung vorbeischauen, sagt Rudi Stark. Gut möglich, dass sich der Pädagoge a. D., mittlerweile deutlich in den 90ern, zur Feier des Tages vorher noch die Haare schneiden lässt: Bei Friseurmeister Hans Koppauer, 76, der einst in der Martinsschule sein Schüler war.

 

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