Martin Wehrle im Interview "Dass Merkel heimlich 'Mutti' gerufen wird, ist verheerend"

Karriere- und Gehaltscoach Martin Wehrle Foto: André Heeger

Warum das Berufsleben einer Frau für jeden Mann ein Skandal wäre, will Martin Wehrle in seinem neuen Buch "Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger?!" verdeutlichen - auf gewohnt amüsante Art und Weise.

 

Als Herr Müller eines Tages als Frau aufwacht, muss er sich nicht nur an seinen neuen Körper gewöhnen - sondern auch daran, dass er im Büro jetzt das "Schätzchen" ist und zum Kundengespräch herausgeputzt und mit Stiefeln erscheinen soll. In seinem neuen Buch "Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger?!" (Mosaik, 320 Seiten, 14,99 Euro) zeigt Karrierecoach und Bestsellerautor Martin Wehrle, "warum das Berufsleben einer Frau für jeden Mann ein Skandal wäre". Was sich dahinter verbirgt, wenn Merkel von Parteifreunden heimlich "Mutti" gerufen wird, was Frauen von Männern lernen können und wann 25-jährige knackige Sekretäre die Vorzimmer ihrer Chefinnen bevölkern, erzählt Wehrle im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news.

In Ihrem neuen Buch wacht ein karrierebewusster Obermacho eines Tages im Körper einer Frau auf und erlebt von da an das Berufsleben aus weiblicher Sicht - inklusive Schwangerschaft und Wiedereinstieg in den Job nach der Geburt. Was hat Sie auf die Idee gebracht, das Thema auf diese Art aufzurollen?

Martin Wehrle: Ich glaube, dieser neue Blickwinkel macht den Skandal deutlich! Wir haben uns schon daran gewöhnt, dass Frauen 22 Prozent weniger verdienen, dass sie im Management kaum vorkommen und dass jedes Vorstellungsgespräch für sie zum Familienplanungs-Verhör werden kann. Aber was wäre los im Land, wenn das alles den Männern passierte? Die Hölle! Darum habe ich einen Mann, den Manager Peter Müller, als Frau sein böses Erwachen erleben lassen.

Warum liegt Deutschland im Vergleich zu anderen westlichen Ländern so weit zurück, wenn es um berufliche Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen geht?

Wehrle: Weil die alten Rollenklischees noch tief sitzen! Vergessen wir nicht: Bis 1977 brauchte in der BRD eine Frau die Erlaubnis ihres Ehemannes, um überhaupt einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Diese Eiszeit der Gleichberechtigung wirkt nach. Dagegen ist es in den USA oder in Frankreich vollkommen akzeptiert, dass sich Frauen dem Beruf und nicht nur der Familie widmen. Im Buch mache ich ja darauf aufmerksam, dass sich das Wort "Rabenmutter" nicht ins Englische oder Französische übersetzen lässt.

Damit Frauen etwas an ihrer Berufswelt verändern können, müssen sie es erst mal in Entscheider-Positionen schaffen. Was können sich Frauen für ihren Aufstieg bei Männern abschauen?

Wehrle: Erstens: Wer die Macht will, muss nach ihr greifen! Ich zitiere im Buch eine internationale Umfrage: Jeder vierte Mann würde gern an der Spitze eines Unternehmens stehen - aber nur jede 14. Frau. Und zweitens: Frauen müssen die heimlichen Spielregeln der Karriere durchschauen. Es werden eben nicht die fleißigsten Bienchen befördert, sondern jene, die um ihre Leistung genug Lärm machen und sich gut vernetzt haben - fast immer Männer!

Wäre eine Frauenquote nicht nur für die Aufsichtsräte, sondern schon ab dem mittleren Management sinnvoll?

Wehrle: Absolut! Denn wer als Frau aus der Tempo-30-Zone in die Formel 1 befördert wird, gibt zwangsläufig eine schlechte Figur ab. Es geht los auf der ersten Hierarchieebene, bei den Gruppen- und Abteilungsleitungen. Hier müssten mehr Frauen zum Zuge kommen - übrigens auch solche, die Teilzeit arbeiten und eine Familie haben. Das eine schließt das andere keinesfalls aus.

Mädchen lernen von klein auf, bescheiden, unauffällig und leise aufzutreten - was im Berufsleben später dazu führt, dass sie nicht weiter kommen. Muss sich an der Erziehung schon was ändern?

Wehrle: Jungs werden dazu erzogen, dass sie sich mit anderen messen, beim Raufen, beim Fußball, beim Wettlauf. Mädchen dagegen bekommen oft das Gefühl vermittelt: Du darfst nicht besser als die anderen sein, sonst fällst du aus der Gruppe. Später, wenn sie auf Männer treffen, wirkt sich das fatal aus.

Männer leben von Netzwerken, die sie voranbringen. Bremsen sich Frauen zu sehr selbst aus, in dem sie sich solchen Bündnissen verschließen?

Wehrle: Im Buch weise ich auf eine Studie hin: Männer sind mit weiblichen Vorgesetzten deutlich zufriedener als Frauen. Meist ist bei den Frauen Rivalität im Spiel. Bei Männern ist es in dieser Hinsicht oft umgekehrt: Sie spielen sich gegenseitig die Pöstchen zu. Hier sollten Frauen sich besser vernetzen und zusammenhalten. Denn Top-Positionen - etwa Chefsessel eines DAX-Konzerns - werden niemals ausgeschrieben, sondern nur unter der Hand vergeben.

Angela Merkel hat es von "Kohls Mädchen" zur "Mutti" der Nation gebracht: Warum haben ihr solche Verniedlichungen nie geschadet?

Wehrle: Ich finde es verheerend, dass die Kanzlerin ausgerechnet von ihren Parteifreunden heimlich "Mutti" gerufen wird. Da steckt doch die Botschaft drin: Eigentlich wäre sie am Herd besser aufgehoben! Und erstaunlich viele Medienberichte handeln dann ja auch von Merkels selbstgebackenen Apfelkuchen. Dass Sie dennoch nach oben gekommen ist, lag sicher an dem Vakuum, das nach dem Abgang von Helmut Kohl entstanden ist. Weil die Männer sich nicht einigen können, hat sie als lachende Dritte die Chance beherzt ergriffen. Und jetzt, da sie die Chefin ist, prallt der Spott an ihr ab.

Wie unterscheidet sich der weibliche Führungsstil vom männlichen - und was ist an Merkels Führungsstil typisch weiblich?

Wehrle: Männer neigen zum Größenwahn: Sie kaufen marode Firmen und hoffen, sie nach der Fusion erblühen zu lassen. Zum Beispiel hat der damalige Daimler-Chef Jürgen Schrempp von einer "Welt AG" geschwärmt, als er mit Chrysler fusionierte. Der Spaß hat zeitweise 40 Milliarden Aktienwert gekostet. Frauen dagegen managen - entgegen jedem Klischee - deutlich rationaler als Männer. Das gilt auch für Angela Merkel. Vor allem sprechen sie öfter mit Mitarbeitern und fällen ihre Entscheidungen nicht im ignoranten Alleingang.

Viele Frauen in Deutschland sind nur Teilzeit tätig, weil sie Kinder haben - obwohl eine siebenfache Mutter als Verteidigungsministerin arbeitet. Müssten Frauen wie Ursula von der Leyen hier mehr Lobbyarbeit für Kinder und Vollzeitjob machen?

Wehrle: Auf jeden Fall! Es ist doch grotesk, dass wir qualifizierte Fach- und Führungskräfte von allen Kontinenten einfliegen, aber die Frauen im eigenen Land ausgrenzen. Wir tun so, als wäre die Schwangerschaft eine neunmonatige Krankheit, die 18 Jahre nachwirkt. Ist schon mal jemand auf die Idee gekommen, dass es keine bessere Manager-Schulung gibt, als Kinder zu erziehen? Da sind alle Tugenden guter Führung gefragt: Verantwortung übernehmen, Vorbild abgeben, Entscheidungen fällen, Krisen bewältigen, flexibel reagieren. Ich schäme mich für Firmen, die Mütter wie Aussätzige behandeln und in mies bezahlte Teilzeit-Jobs abschieben.

In Deutschland gelten Frauen, die Kinder haben und Vollzeit arbeiten, oft noch als "Rabenmütter": Findet hier allmählich ein Umdenken statt?

Wehrle: Das Umdenken geht mir viel zu langsam! Ein Beispiel: In zwölf Jahren ist die Zahl der gehobenen weiblichen Führungskräfte im Mittelstand von 8 auf 9 Prozent gestiegen. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, braucht es noch 492 Jahre bis zur Chancengleichheit. Hier sind Gesetze nötig, um den Firmen Dampf zu machen. Ich schlage vor: Jede Firma soll veröffentlichen, wie die Führungspositionen und die Gehälter bei ihr zwischen Frau und Mann verteilt sind. Frauen fällen laut Studien 80 Prozent aller Kaufentscheidungen. Wenn sie dort nicht mehr kaufen, wo man sie als Arbeitskräfte für dumm verkauft, haben die Firmen ein Problem.

Die Anwesenheitskultur in deutschen Unternehmen macht vielen Müttern zu schaffen. Müssen die Arbeitgeber hier flexibler werden?

Wehrle: Auf jeden Fall! Es spielt überhaupt keine Rolle, wann eine Mitarbeiterin anwesend ist. Entscheidend ist, was sie leistet! Es ist lächerlich, dass sich deutsche Manager dafür rühmen, mit vier Stunden Schlaf auszukommen. Ausgeschlafene Managerinnen, gerne auch im Homeoffice, wären mir lieber.

Der britische Unternehmer Richard Branson hat gerade angekündigt, für einen Teil seiner Mitarbeiter eine Urlaubs-Flatrate einzurichten. Halten Sie das für eine gute Idee?

Wehrle: Eine sehr gute Idee! Wer seiner Belegschaft Vertrauen schenkt, bekommt Vertrauen zurück. Das ist eine Frage des Menschenbildes, ob man Mitarbeiter für faule Säcke hält, die man einschränken muss - oder für verantwortungsbewusst und gewissenhaft. Dann ist Freiheit ein guter Weg.

Haben Sie den Eindruck nach #aufschrei im vergangenen Jahr hat sich etwas verändert, was die sexuelle Belästigung von Frauen bei der Arbeit angeht?

Wehrle: Ja, die Firmen sind sensibler geworden, die Männer auch. Aber immer noch werden Kolleginnen im Meeting "Schätzchen" oder "Mäuschen" genannt, scheinbar im Spaß. In meinem Buch beschreibe ich, wie man darauf am besten reagiert: nämlich auf derselben Kommunikationsebene, keinesfalls zu intellektuell.

Wie lange wird es noch dauern, bis 25-jährige knackige Sekretäre die Vorzimmer bevölkern und für ihre Chefinnen Kaffee kochen und kopieren?

Wehrle: Im Buch hat Herr Müller ja am Ende einen knackigen Sekretär! Aber bis unsere Gesellschaft so weit ist, das wird noch etliche Jahre dauern. Es sei denn, die Frauen gehen auf die Barrikaden - so, wie es die Männer garantiert auch täten, wenn sie ähnlich benachteiligt würden. Herr Müller und seine Kolleginnen machen es vor, indem Sie einen "Tag des Perspektivenwechsels" anstoßen.

 

1 Kommentar