Martin Mosebach Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer

Der Schriftsteller Martin Mosebach. Foto: dpa

Martin Mosebach berichtet über eine Reise in die Heimat von 21 Christen, die der „Islamische Staat“ in Lybien ermorden ließ

Vor drei Jahren wurden 21 Christen am Strand von Syrte vom sogenannten Islamischen Staat geköpft, nachdem der Anführer der Mörder den „barmherzigen Gott“ angerufen hatte. Die Terroristen brüsteten sich dieser Tat und verbreiteten ein Video als „eine mit Blut geschriebene Nachricht an die Welt des Kreuzes“.

Der Schriftsteller Martin Mosebach hat diesen christlichen Wanderarbeitern ein Buch gewidmet. „Die 21“ berichtet von einer Reise in die ägyptische Heimat dieser Männer, die von der koptischen Kirche als Märtyrer verehrt werden. In ihrem Geburtsort El-Or wird derzeit vom ägyptischen Staat eine Kirche errichtet, die an sie erinnern soll.

Ein Buch ohne Hass

Mosebachs Buch ist in vielerlei Hinsicht verstörend, aber im positiven Sinn. Im dritten Kapitel schildert er wie ein in Folter und Grausamkeit verliebter Barockmaler das Video der Hinrichtung in allen seinen schrecklichen Details. Wer, gewarnt durch andere Texte über die 21 Märtyrer, in der Folge aber eine anti-islamische Polemik erwartet, sieht sich enttäuscht. Auf sie verzichtet Mosebach ebenso wie eine Darlegung politischer Zusammenhänge oder die anklagende Kritik an der moralischen Zerrüttung der islamischen Welt.

Das Buch nimmt eine genuin christliche Wendung. Mosebach interessiert sich nicht für die Täter, sondern für die Opfer. Er wollte wissen, „was das für Menschen waren, die im Angesicht des Todes eben so gelassen, möchte man wirklich sagen, ihren christlichen Glauben bekannt haben“, wie der Autor in einem Interview erklärte.

Denn es scheint, als hätten sich die Getöteten durch den Islam retten können. Und einer der Toten war auch gar kein Kopte, sondern ein Wanderarbeiter aus Ghana, der eher zufällig mit der Gruppe entführt wurde und unter dem Eindruck der Standhaftigkeit seiner Gefährten ihr Schicksal teilte.

Dass alle diese Zusammenhänge legendenhaft wie eine Überlieferung aus der Frühzeit des Christentums klingen, bestreitet der aufgeklärte Katholik Mosebach nicht. Aber gerade das ist für ihn das Faszinosum an diesem Thema. Und der skeptischere Leser bekommt eine Lektion zur Problematik jeder mündlichen Überlieferung.

Der Massenmord an der Verwandtschaft wird zum Stolz der Familie

Martin Mosebach hat die Familien der Opfer in einem kleinen oberägyptischen Dorf besucht. Dort traf er nicht auf Rachsucht, Hass oder andere dunkle Gefühle, sondern ausnahmslos auf Heiterkeit und Freude. Er erlebte einen bestürzend unbefangenen Umgang mit dem Todes-Video und Menschen voller Stolz auf ihre hingeschlachteten Verwandten, die nun auf Ikonen als gekrönte Heilige verehrt werden.


Ob der Autor die koptische Religiosität in Ägypten verklärt oder nicht, lässt sich schwer entscheiden. Diese Kirche hat sich nach dem spätantiken Konzil von Chalkedon des Jahres 451 wegen theologischer Spitzfindigkeiten von der orthodoxen und katholischen Lehre abgespalten. Vom christlichen Establishment der großen Kirchen wird sie eher von oben herab betrachtet.

Naives Staunen

Wie viele Ägypter ihr angehören, ist schwer zu sagen. Offizielle Schätzungen gehen von fünf bis elf Millionen aus, Optimisten sprechen von bis zu einem Viertel der Bevölkerung, was übertrieben scheint. Aber der Aufbruch dieser Kirche in einem islamischen Land trotz einer offenen Diskriminierung scheint unbestreitbar, wenn man Mosebachs Urteil trauen darf, der mit leuchtenden Augen berichtet, aber durchaus auch zugibt, ein schlechter Reporter zu sein, weil er vor lauter Staunen nicht immer kritisch nachgefragt habe.

Dafür ist dieses Buch voller kluger Beobachtungen über Religion und religiöse Kunst. Obwohl Mosebach eine Form von Verklärung nicht fremd ist, wie man sie ähnlich naiv auch in katholischen oder evangelischen Kreisen erleben kann, wenn vom Urchristentum die Rede ist, ist „Die 21“ auch für Agnostiker mit Gewinn lesbar, sofern sie das Staunen über Religiöses nicht verlernt haben. Und Mosebach ist als Autor klug genug, hin und wieder auch seine eigene Skepsis zu Wort kommen zu lassen oder wenigstens mit einem ägyptischen Skeptiker zu sprechen.

Aus diesem Buch spricht ein Geist der Versöhnung, der niemandem schadet und allen nützen kann. Und ein Optimismus, dass eine Versöhnung mit dem Islam an den Christen nicht scheitern wird. Zumindest nicht an den orientalischen Christen, die ihren Glauben leben.

Martin Mosebach: „Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Märtyrer“ (Rowohlt, 272 Seiten, 20 Euro)

 

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