Lokales So brutal war’s im Windsbacher Knabenchor

Willi Weglehner erhebt schwere Vorwürfe gegen den Chorleiter, der seine Zöglinge über Jahrzehnte brutal misshandelt haben soll. Foto: Klaus Schillinger

Prügel, Tritte, Gewaltexzesse: Willi Weglehner hat zehn Jahre unter dem Leiter Hans Thamm gelitten.

 

HILPOLTSTEIN/WINDSBACH Das Schlimmste für Willi Weglehner waren nicht die Schläge und Tritte. Schwerer als jeder körperliche Schmerz wiegt die Tatsache, dass ihm der „Teufel“ über Jahre das genommen hat, was Weglehner am meisten liebt: die Musik.

Weglehner hat zehn Jahre seines Lebens beim Windsbacher Knabenchor verbracht. Der „Teufel“, den Willi Weglehner in seinem Buch „Internierung – Singet dem Herrn“ beschreibt, ist niemand Geringeres als der Gründervater des berühmten Chors: Hans Thamm. Dass der augenscheinlich fromme, hochgeachtete, unbestritten musikalische Mann – er starb 86-jährig in Barthelmessaurach bei Schwabach – tatsächlich ein sadistischer „Kinderschinder“, ein skrupelloser Schläger, ja ein „Teufel“ war, wie ihn Weglehner (61) nennt, wird einer breiten Öffentlichkeit erst dieser Tage bewusst. Weil mehr und mehr Misshandlungsopfer den Mund aufmachen.

Dabei hat Weglehner – er kehrte als Lehrer und Schriftsteller in seinen Geburtsort Thalmässing zurück – diesen Schritt schon vor mehr als zehn Jahren getan, als er sein Buch in limitierter Auflage an Freunde, Weggefährten und Leidengenossen verschenkte.

Schonungslos beschreibt er die Prügel, Tritte und Gewaltexzesse, eingebettet in ein hierarchisches System von Befehl und Gehorsam, in dem selbst ältere Schüler – genannt Gruppenführer und Untergruppenführer – zu brutalem Verhalten angehalten waren. Kleine Dämonen allerdings nur im Vergleich zum „Teufel“ persönlich. Kostprobe aus „Internierung“: „Kurti ging nach vorne, der Teufel stürzte wie ein Irrer vom Direktionspodest herab, legte alle Masse seines Körpers im freien Flug mit der Schlagkräftigkeit seiner Arme und der Abortdeckelgröße seiner Hände zusammen und schlug derart auf den armen Kurti ein, dass dieser nach einigen Sekunden zu Boden ging. Das war IHM noch nicht genug. Vielleicht wollte er sich nicht bücken; vielleicht fühlte er das Lob Gottes in seine Beine eindringen; er stieß den sich windenden Kurt mit Füßen, wo er ihn traf.“

Die Reaktionen auf Weglehners Beschreibungen? Erleichterung bei den Betroffenen, aber auch Scham und Nichts-mehr-wissen-wollen. Ignoranz bei der breiten Masse. Und harsche Ablehnung bei Unterstützern Thamms: „Ich werde nie den Anruf des Kultur-Redakteurs einer großen Nürnberger Tageszeitung vergessen“, berichtet Weglehner. Der – ohne ihn zu kennen oder jemals mit ihm gesprochen zu haben – anfing, ihn als „Nestbeschmutzer“ zu beschimpfen, der sicher ganz bald in RTL-Talkshows seine Schauermärchen zu Besten geben werde. Als ihm Weglehner entgegnete, er habe mittlerweile schon drei eidesstattliche Erklärungen ehemaliger Mitschüler erhalten, die alles, auch die schrecklichsten Details, bestätigen, wurde es still am anderen Ende der Leitung.

Es hat lange gedauert, fast 20 Jahre, bis Weglehner die Erlebnisse in seinem Buch verarbeitet hat. Und es sollte fast ebenso lange dauern, bis er seine Liebe zu sakraler klassischer Musik neu entdeckte: In einem Laden entdeckte er eine CD mit Bachs Matthäus-Passion: „Als ich sie zu Hause anhörte, kamen mir die Tränen.“ Weglehner unterrichtete Kinder, schrieb 30 Kinder-Bücher, Dokumentationen und Romane und wandte sich als Musiker der leichten Muse zu, produzierte für die „Kastelruther Spatzen“ zwei Goldene Schallplatten, die ihm heute ein bisschen peinlich sind.

Mit der klassischen Musik hat Weglehner seinen Frieden gemacht. Er hat sich in den Keller seines Hauses eine mächtige Orgel gestellt. Seinen Frieden mit Windsbach macht er dieser Tage: „Sie fangen an, Thamm zu demontieren.“ Ideell und physisch – die ersten Gedenktafeln an den „Teufel“ werden abgebaut.

Steffen Windschall

 

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