Lokales Sie schnitt ihrem Baby den Kopf ab - das sagt der Psychiater

In diesem Haus in Gostenhof geschah damals das unfassbare Drama, bei dem Baby Robby getötet wurde. Foto: Berny Meyer

Doris F. will in die Nähe ihrer Familie, vielleicht wieder tageweise dort wohnen. Der Chef der Psychiatrie ist dagegen

 

NÜRNBERG Die Nürnbergerin Doris F.* hat unter einer paranoid-halluzinatorischen Psychose 2003 ihrem Baby Robby* den Kopf abgeschnitten. Seitdem ist sie im Maßregelvollzug in Psychiatrien untergebracht. Ihr Lebensgefährt Christoph P. (53) will nun erreichen, dass sie nach Ansbach verlegt wird – um so bei eventuellen Haftlockerungen ihn und die beiden anderen Kinder besuchen zu können. Doch der behandelnde Professor lehnt das ab.

Sinn des Maßregelvollzugs in der Psychiatrie ist nicht, die Insassen auf ewig wegzusperren. Sondern sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Professor Matthias Dose, Leiter der Forensik in Taufkirchen/Vils, muss jetzt entscheiden, wie das Leben der 37-Jährigen weitergeht. Auch, ob sie Lockerungen wie 2007 erfährt, als sie vier Tage bei ihren zwei anderen Kindern (9, 11) verbringen durfte. An Dose hängt eine große Verantwortung: „Was, wenn es schief geht?“, fragt er sich.

Christoph P.* ist überzeugt, dass mit seiner Freundin alles wieder in Ordnung ist: „Sie ist ganz normal.“ Sie nehme ihre Tabletten, besuche die Therapien. Deshalb kann er nicht verstehen, dass die 37-Jährige nach wie vor in der geschlossenen Forensik in Taufkirchen sitzt.

„Meine Freundin ist rechtlos“

Für den Professor ist es nicht ungewöhnlich, dass Doris F. einen gesunden Eindruck macht. „An der Oberfläche. Bei Stress bricht die Psychose auf. Ich als Leiter des Maßregelvollzugs kann nicht erkennen, auf welcher Basis ich Lockerungen verhängen soll.“

Die Durchsetzung der Vollzugslockerung ist eine Etappe im Kampf des Christoph P., den er seit Jahren führt. Viel Geld hat er für Anwälte ausgegeben. Der sehr kritische Angehörige schaut den Ärzten ständig auf die Finger. Dazu gehört, dass er vor 15 Monaten die Verlegung seiner Frau vom Bezirksklinikum Ansbach ins 230 Kilometer entfernte Taufkirchen anprangert. Die war, sagt sein Anwalt, nicht rechtmäßig. Wobei es Praxis ist, dass die Vollzugsbehörde nur informiert wird. Christoph P. und sein Anwalt sehen darin einen Gesetzesverstoß. „Meine Freundin ist rechtlos.“

P. will, dass sie wieder in die Nähe der Familie kommt. In Ansbach konnten die Kinder, die mit einer frommen Lüge über den Tod ihres Bruders aufwachsen, die Mutter oft sehen. Doch eine Therapie dort war laut Schreiben der Ansbacher Oberärztin an den Landtag nicht mehr möglich. Anfangs lief die Behandlung gut: Eingestellt mit der richtigen Medikamenten-Dosis und betreut von Jugendamt und Familienhilfe konnte Doris F. vier Tage bei ihrer Familie in Nürnberg verbringen.

Doch dann bemerkten die Ansbacher Ärzte, dass für Doris F. die Therapien in den Hintergrund rückten, auch wollte sie die Pillen-Menge reduzieren, ihr einziges Ziel seien weitere Lockerungen des Vollzugs gewesen. Laut Ansbacher Experten zeigte sie vor-psychotische Symptome, wurde paranoid, hochgradig misstrauisch und feindselig. „Sie war therapeutisch kaum mehr erreichbar“. Im Oktober 2009 riet die Ärztin der Patientin zu „einem therapeutischen Neuanfang“ – und zwar in Taufkirchen. Hier wurde sie in einem kamera-überwachten Zimmer untergebracht, es gab keinerlei Vergünstigungen.

Unterstützung erhält Christoph P. von der oberbayerischen Bezirksrätin Beate Jenkner (47, Die Linke). „Wir fordern die Rückverlegung mit dem Ziel, sie in ihr soziales Umfeld zu integrieren.“ Auf Jenkner, die Doris F. oft besucht, macht die Frau „einen selbstbewussten Eindruck. Sie nimmt gewissenhaft ihre Medikamente“. Das schon. Doch über die Dosis gibt es Streit. Dose will sie erhöhen, Doris F. nicht. Jenkner: „Sie ist ein mündiger Patient. Das will man nicht in der Psychiatrie.“

Der Arzt vermisst ihre „tiefere Einsicht“

Das sieht Professor Dose anders. „Frau F. beschäftigt sich hier mit vielen Aktivitäten. Es ist kaum noch die Rede von der Tat. Und wir haben die Verpflichtung sicherzustellen, dass, wenn sie jemals dieses Haus verlässt, nicht wieder so etwas passieren kann.“ Er vermisst ihre „tiefere Einsicht“. „Ich hatte Patientinnen mit ähnlichen Schicksalen, die so erschüttert über die Taten waren, dass sie alles, was die Medizin bietet, probieren wollten. Das ist bei Frau F. nicht gegeben. Ich bin die letzte Instanz, die über Lockerungen zu entscheiden hat. Und wenn eins sicher ist in der Psychiatrie, dann sind es Rückfälle.“

Für Christoph P. hängt viel von einem Gutachten ab, das in Kürze über seine Freundin erstellt wird. Hatte er anfangs Misstrauen gegen diese Forensikerin, da sie Professor Dose kenne und somit befangen sei, fordert er jetzt nur eins: „Ich will, dass Doris dabei von einer Vertrauensperson begleitet wird.“ Das wird Beate Jenkner sein. sw

*Namen geändert

 

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