Lokales Saß sie lieber am PC, als sich um ihr Kind zu kümmern?

Sandra R. am Mittwoch vor dem Fürther Landgericht. Kurze Zeit später wird der Richter auf „Haft“ entscheiden. Foto: SAT1

Der 4-jährige schwerstbehinderte Sven ist in Fürth fast verhungert. „Wir sind nicht computersüchtig“, sagt ihr Freund. Aber auch er saß am Tag, bevor der abgemagerte Junge in die Klinik kam, vor dem Computer

 

FÜRTH Noch immer kämpfen die Ärzte im Fürther Klinikum um das Leben von Sven. Der viereinhalb Jahre alte, schwer behinderte Junge war am Dienstag abgemagert dort eingeliefert worden. Er wog nur noch acht Kilogramm. Seine Mutter Sandra R. (29) sitzt seitdem in U-Haft. Ihr wird Misshandlung eines Schutzbefohlenem in einem besonders schweren Fall vorgeworfen. Noch sind viele Fragen offen.

Hätte das Fürther Jugendamt durch Kollegen informiert werden müssen? War Svens Magensonde tatsächlich unerkannt defekt, wie Marc R., Sandras Lebensgefährte, behauptete? Und: Surfte die Mutter lieber im Internet, statt sich um ihren Jungen zu kümmern?

"Streiterin des Lichts und Gerechtigkeit" im World of Warcraft-Chat

Das Internet vergisst nichts. Einmal veröffentlicht, ist alles immer abrufbar. Die kindliche Sandra R., die dort als „Lillyan, Streiterin des Lichts und Gerechtigkeit im Chat“ im Spiel World of Warcraft (WOW) zu sehen ist, hat noch keine Ähnlichkeit mit der fülligen Frau, die am Mittwoch verhaftet wurde. Es ist nicht auszumachen, zu welchem Zeitpunkt sie stundenlang vor dem PC saß, um zur WOW-„Moderatorin“ aufzusteigen.

Ihr Freund, dem Svens Leiden nicht aufgefallen sein will, ist Computerspezialist. Für den derzeit arbeitslosen Mann dürfte es normal sein, Stunden vor dem Bildschirm zu verbringen. Auch deshalb wirken seine Blog-Einträge wie dieser hier verstörend: Am 20. Juli 2010 schreibt er dort von der Rolle des Erwachsenwerdens und davon, „seinen Kindern“ ein „Vorbild“ zu sein. Doch während das Kind seiner Lebensgefährtin am 2. August bereits in einem sehr schlechten Zustand war, bloggte er seitenlang über den Schalker Neuzugang, Fußball-Superstar Raúl. Nur einen Tag darauf schwebt Sven in Lebensgefahr. Ärzte kämpften auch gestern auf der Intensivstation um sein Leben.

„Nein, wir sind nicht computersüchtig“, sagte Marc P. gestern zur AZ. „Wenn Sandra acht Stunden pro Woche im Netz war, war es viel.“ Natürlich sei dieser Mutter Entspannung vergönnt. Ihr Kind braucht rund um die Uhr Pflege, es kann weder sitzen noch gehen, ist geistig behindert, wird von Spastiken und Epilepsie gequält, muss durch eine Sonde ernährt werden. Als Sandra R. bis Frühjahr 2010 noch in Darmstadt wohnte, bekam sie dafür Unterstützung durch den Verein Lebenshilfe.

War Svens Magensonde kaputt?

„Das allerdings ist keine Maßnahme des Jugendamtes gewesen, weil die Mutter eventuell auffällig gewesen wäre“, erläutert Josef Lassner, Chef des Fürther Jugendamtes. „Es war eine Hilfe, die die Mutter freiwillig in Anspruch genommen hatte.“ Und da es nie Beanstandungen gab, wie Sandra R. mit ihrem Kind umging, erfuhr das Fürther Jugendamt auch nichts vom Umzug in die Kleeblattstadt.

Außerdem steht auch noch die Version von Sandra R.s Lebensgefährten Marc P. (31) zur Diskussion. Er behauptet, zwei Tage vor der Einweisung ins Krankenhaus sei, von der Mutter unbemerkt, Svens Magensonde kaputt gegangen. Das wird die Polizei klären. Doch über Ergebnisse schweigt sich die Staatsanwaltschaft aufgrund der laufenden Ermittlungen aus.

Susanne Will

 

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