Lokales Pflege-Skandal um Nürnbergs letzte Operetten-Diva (81)!

Ein trauriges Bild: Sonja Knittel (81), Nürnbergs letzte Operetten-Diva, wurde von einer amtlich bestellten Betreuerin in die Psychiatrie eingewiesen. Foto: az

NÜRNBERG - Sonja Knittel muss per Gerichtsbeschluss in der geschlossenen Abteilung eines Fürther Altenheims leben. Enge Freunde sind empört

30 Jahre lang stand Operetten-Diva Sonja Knittel (81) in Nürnberg auf der Bühne. Mit ihrer Stimme verzauberte sie unzählige Freunde klassischer Musik. Doch von solchen glorreichen Zeiten ist die an Demenz erkrankte Sopranistin inzwischen weit entfernt. In einem juristischen Schnellverfahren wurde sie entmündigt, bekam eine amtliche Betreuerin – und lebt nun in der geschlossenen Abteilung eines Pflegeheims. Freunde sprechen von einem handfesten Skandal.

Keiner kennt Sonja Knittel besser als Lothar Braun, ein früherer Arbeitskollege an den Städtischen Bühnen. Er und seine Frau sind seit vielen Jahrzehnten mit der Künstlerin eng befreundet. Für die beiden war es auch keine Frage, die Betreuung von Sonja Knittel zu übernehmen, als deren Gedächtnis immer lückenhafter wurde und sie mit vielen alltäglichen Dingen einfach nicht mehr zurecht kam. Für den freundschaftlichen Dienst bedurfte es keiner Gerichtsbeschlüsse: Es war ein Akt der Nächstenliebe. Und außerdem war es auch der persönliche Wunsch der in Ehren alt gewordenen Diva.

Der 27. November 2008 stellte alles auf den Kopf. Sonja Knittel war in ihrer Wohnung bewusstlos neben ihrem Bett zusammengebrochen. Lothar Braun, der seine Freundin telefonisch nicht erreichen konnte, aber einen Schlüssel für das Haus besaß, fand sie und rief den Notarzt. Der ließ sie sofort ins Klinikum-Nord einliefern. Lothar Braun fuhr mit. Er füllte auch die notwendigen Papiere aus und hinterließ seine Personalien und seine Telefonnummer. An seinen Besuch im Krankenhaus am darauf folgenden Tag erinnert er sich nur allzu gut: „Eine Krankenschwester begrüßte mich mit den Worten: Endlich kommt jemand, der sich um die Frau kümmert. Wir wissen gar nicht, wer sie ist.“ Die am Tag zuvor von ihm ausgefüllten Fragebogen waren aus unerklärlichen Gründen verschwunden.

Noch mehr wunderte sich Braun bei seinem Besuch jedoch über einen anderen Umstand: Vom Klinikpersonal wurde ihm nämlich erklärt, dass in den wenigen Stunden seit der Einlieferung von Sonja Knittel bereits eine Rechtsanwältin mit der Betreuung beauftragt worden war. „Ein sehr seltsamer Vorgang“, meint Lothar Braun. Dieser Ansicht ist auch sein Anwalt Richard Müller. Zur AZ sagte er: „Wir haben immer wieder mit Fällen zu tun, in denen eine amtliche Betreuung viel zu schnell erfolgt. Die Menschlichkeit bleibt, wie bei Frau Knittel, dabei auf der Strecke.“

Eine der ersten Amtshandlungen der amtlichen Betreuerin: Sie ließ die Künstlerin in die Psychiatrie einliefern. Lothar Braun: „Grundlage für die letztendlich von einem Richter getroffene Einweisung war ein sehr fragwürdiges Gutachten eines Arztes, der Frau Knittel gar nicht richtig untersucht hat.“ Neun Wochen lang musste die bekannte Operettensängerin in der Psychiatrie bleiben. Danach kam sie in die geschlossene Abteilung eines Fürther Pflegeheims. Lothar Braun und seine Frau besuchen ihre Freundin dort jeden Tag. Aber sie dürfen mit ihr nicht einmal das Haus für einen Spaziergang verlassen. „Das ist doch menschenverachtend!“, sagt Braun.

Rechtsanwalt Müller hat gegen den Gerichtsbeschluss, Sonja Knittel amtlich betreuen zu lassen, Beschwerde eingelegt. Lothar Braun und dessen Frau wären für die Betreuung der Künstlerin seiner Ansicht nach eine viel bessere Wahl. Lothar Braun: „Sonja ist eine sehr wohlhabende Frau. Sie könnte durchaus von einer privat bezahlten Pflegekraft in ihren eigenen vier Wänden betreut werden. Dort würde sie sich auch wohlfühlen.“ Helmut Reister

 

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