Lokales Junge Frau war eingesperrt wie Kaspar Hauser

Die Frau, die die AZ Alena nennt, um sie zu schützen, beim Gespräch mit AZ-Reporterin Marlina Pfefferer im Nürnberger Stadtpark. Foto: News5

26 Jahre wurde die Nürnbergerin von der Welt außerhalb ihres Zuhauses abgeschirmt. Dann gelang ihr die Flucht.

 

NÜRNBERG Seit Alena* (Name geändert) denken kann, war sie von der Außenwelt isoliert, wurde immer wieder eingesperrt wie ein Tier – von der eigenen Mutter!

Die Nürnbergerin (26) hatte keine Ansprache, erfuhr nie Liebe und Zärtlichkeit. Den Männern im Leben der Mutter (Vater und Stiefvater) war sie egal. Ende letzten Jahres gelang ihr endlich die Flucht.

Wie einst Kaspar Hauser fand sich Alena in einer Welt wieder, die ihr vollkommen fremd ist: Sie wusste nicht einmal, in welchem Jahr sie lebte! Der AZ vertraute die junge Frau ihre unfassbare Geschichte an: „Ich habe immer in einem Gefängnis gelebt“, sagt sie.

"Ich habe immer in einem Gefängnis gelebt"

Alenas Gefängnis war keines mit Mauern: Sie durfte gelegentlich vor die Tür und – streng nach Plan – die Schule besuchen. Auch war es ihr aufgetragen, den Hund spazieren zu führen: Freigang für wenige Minuten am Tag. Doch nur dem Anschein nach nahm sie am Leben teil. Sie lebte in ständiger Angst. Durch seelische und körperliche Grausamkeiten – etwa mit der Drohung einer Zwangsheirat – sorgte die Mutter dafür, dass sich Alena in ihre unmündige Existenz fügte; sie hat nie ein anderes Leben gekannt.

Geboren wurde Alena in Osteuropa. Dort besuchte sie sogar die Schule. Kontakt zu Mitschülern aber hatte sie nie. Freunde waren verboten.

Alena hielt sich daran, wusste sie doch um die Strafen, die sie sonst erwarteten. Häufig wurde Alena auf dem Dachboden weggeschlossen. „oft wochenlang“, sagt sie.

Wochenlang auf dem Dachboden weggeschlossen

Alena durfte niemals ungefragt sprechen. Stets musste sie sich im Sichtfeld der Mutter aufhalten, zur fast völligen Bewegungslosigkeit verdammt. Alena: „Ich durfte nur sitzen, nichts machen, nichts sprechen.“ Es setzte Schläge, wenn sie die Regeln brach.

Nicht einmal um etwas zu essen oder zu trinken, durfte Alena bitten – geschweige denn, selbst an den Kühlschrank gehen. Das Essen wurde ihr hingestellt wie einem Hund: Miniportionen, die sie kaum satt machten.

Als Alena 20 war, zog die Mutter nach Nürnberg und nahm die junge Frau wie eine Leibeigene mit sich. Weiter setzte es Prügel und Zimmerarreste für die inzwischen Erwachsene. Alenas Bewegungsradius wurde immer enger: Ohne Schulpflicht bestand für die Mutter kaum Anlass mehr, sie nach draußen zu schicken. Die nach Minuten abgezählten Spaziergänge mit dem Hund blieben letzte Momente der Freiheit.

"Hol mich", flehte sie ihren Bekannten an

Warum brach sie nie aus in solchen Augenblicken?

„Versucht habe ich es“, sagt Alena. Zweimal riss sie aus und öffnete sich Menschen, die für sie greifbar waren. Doch alle Menschen und Orte, die sie kannte, gehörten zur Lebenswelt der Mutter. Man glaubte ihr nicht – und schickte sie zurück.

Erst im Herbst 2009 gelang das Wunder: Mit 26 Jahren fanden ihre Hilferufe endlich Gehör! Die seelisch fast völlig gebrochene Frau nahm allen Mut zusammen und rief in einem unbeobachteten Moment den letzten Bekannten der Familie an, der ihr noch vertrauenswürdig erschien: „Hol mich“, flehte sie.

Der Mann hatte bei Besuchen schon Verdacht geschöpft – und vertraute seinem Bauchgefühl. Er befreite Alena, als die Mutter nicht zuhause war, und übergab sie der Obhut des Nürnberger Anwalts Detlef Tschirpig.

Das Bauchgefühl des Mannes war richtig. Ein psychiatrischer Gutachter bestätigt Alenas Geschichte: Ihr Zustand lasse auf jahrelange Vernachlässigung schließen. Der Anwalt erwirkte ein Kontaktverbot für die Mutter, und er wehrte auch deren Versuch ab, ihre Tochter entmündigen und für geisteskrank erklären zu lassen. Der Staatsanwalt ermittelt wegen Freiheitsberaubung gegen die Mutter.

Alena muss jetzt das freie Leben erst lernen: den Kontakt zu Menschen, den Alltag, das Finden einer eigenen Persönlichkeit. „Für mich ist alles neu“, sagt sie. „Das macht auch Angst.“ Doch sie geht Schritt für Schritt. Die vormals langen Haare hat sie abgeschnitten, zum ersten Mal eigene Kleidung gekauft: „Das bin ich“, strahlt sie. Ein wichtiger Anfang. Marlina Pfefferer

 

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