Lokales Eine Mutter schnitt ihrem Baby den Kopf ab: So lebt sie heute

Das ist die Tatwaffe von damals. Mit diesem Brotmesser köpfte sie Robby. Foto: Berny Meyer

Doris F. (37) ist in der Psychiatrie. In der AZ spricht sie exklusiv über eine unfassbare Tat, die Nürnberg schockte

 

NÜRNBERG Für Doris F.* (37) waren ihre Kinder Andreas* (11), Agnes* (9) und Robby* (zehn Monate) das Wichtigste der Welt. Als sie am 21. August 2003 Robby köpfte, erschütterte die Tat nicht nur die Bewohner Nürnbergs. Eine so genannte paranoid-halluzinatorische Psychose hatte die Frau weit davon entfernt, was man „normal“ nennen kann. Seit Dezember 2003 ist sie untergebracht. In einem Telefongespräch mit der AZ erzählt sie, was damals passierte – und wie es ihr heute geht.

Die Vorgeschichte: Doris litt seit dem 21. Lebensjahr unter einer Psychose, die, wie im Prozess bekannt wurde, nicht fachgerecht behandelt worden ist. Mit 26 Jahren wurde die Krankenschwester in Frührente geschickt. 2003 war sie dreifache Mutter. Die Kinder entstammten der Beziehung zu Christoph P.* (53). Wochen vor der Tat veränderte sie sich: „Ich fühlte mich von Fremden beobachtet und kontrolliert. Ich war überzeugt davon, dass alle Menschen meine Gedanken lesen, dass fremde Männer in meine Wohnung eindringen und mich die ganze Nacht vergewaltigten.“

Doris F.s Psyche quälte sie weiter: „Eines Tages hat mein Sohn Robby gesagt, heirate mich. Aber er konnte doch noch nicht reden.“ Sie glaubte, der Mond falle auf die Erde. Ein Leben gebe es nur noch auf einem anderen Planeten. Im Gutachten ist zu lesen, sie meinte, sie werde auf diesem Planeten Königin. „Ich hatte Angst, dass Andreas und Agnes um mein Königreich konkurrieren werden. Die Stimmen sagten mir, dass ich die Entscheidung übernehmen muss. Sie haben mich gezwungen, mich für Andi zu entscheiden. Er muss nach mir König sein. Dann habe ich ein Küchenmesser genommen und Robby den Hals durchgeschnitten.“

"Der Verlust ist schlimm für mich. Ich liebte ihn so"

Nach der Tat bedeckte sie die Leiche mit einer Decke. Sie wischte das Blut auf und rief Christoph P. an. Der informierte die Polizei. Als die Beamten die blutbesudelte Mutter mitnahmen, wiederholte sie nur immer wieder: „Ich spinne.“ Doris F. wurde ins Bezirksklinikum Ansbach eingewiesen. Dort war sie im so genannten Maßregelvollzug – für Menschen, die im Zustand der Schuldunfähigkeit Straftaten begangen haben. Ziel dieser Unterbringung ist, die Betroffenen wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

Erfolgreiche Therapien, Behandlungswille und Tateinsicht sowie eine genaue medikamentöse Einstellung sind dafür die Grundvoraussetzungen. Im Sommer 2007 verbrachte Doris F. vier Tage bei ihrer Familie in Nürnberg. Doch bald sahen die Ansbacher Ärzte, dass Doris F. überfordert war. Sie diagnostizierten einen „präpsychotischen Zustand“, rieten zur Medikamenten-Erhöhung, was sie und ihr Lebensgefährte ablehnten. Christoph P. hält seine Freundin für wieder völlig in Ordnung: „Sie ist einfach eine kritische Patientin. Das wird nicht gerne gesehen“.

Was die Ärzte aber sahen, war eine „immer weniger gegebene therapeutische Erreichbarkeit“, so die Ansbacher Oberärztin in einem Schreiben an den Landtag. Schließlich erkannte sie auch „mangelnde Krankheits- und Behandlungseinsicht“, was sich auch auf den Satz stützte, den F. laut Schreiben der Ärzte zu einer Mitpatientin sagte: „Wegen so einer Bagatelle sitze ich nun schon seit fünf Jahren.“

Das Verhältnis zwischen Ärzten und Patientin war zerrüttet. Doris F. wurde am 30.Oktober 2009 nach Taufkirchen verlegt. Gegen ihren Willen, wie sie sagt. Nun ist sie untergebracht, ohne Lockerung wie Ausgang auf dem Gelände. Psychisch, sagt sie, gehe es ihr jetzt sehr gut. „Meine Freunde halten zu mir. Ich war ja krank.“ Sie leidet, weil sie ihre anderen beiden Kinder nicht sehen kann. Andreas und Agnes wachsen mit der Lüge auf, Robby sei vom Wickeltisch gefallen und gestorben. Und die Mama sei darüber so traurig, dass sie noch im Krankenhaus bleiben muss. „Ich habe beide seit 15 Monaten nicht gesehen. Wir telefonieren jeden Abend.“

Beim Gedanken an Robby „bin ich schwer in Trauer. Der Verlust ist schlimm für mich. Ich liebte ihn so“. Aber wie geht sie mit der Schuld um, ihren Sohn getötet zu haben? „Ich war krank. Ich kann nichts dafür. Natürlich kommt das alles immer wieder hoch. Ich erinnere mich ja an alles. Aber ich habe das aufgearbeitet. Den Ansbacher Ärzten bin ich dafür dankbar. Ich will dorthin zurück.“ Der Grund dafür dürfte aber wohl weniger in den Therapien der Ansbacher liegen: Doris F. wäre näher bei ihrer Familie. Und hofft darauf, wieder Haftlockerungen zu erfahren. Doch die stehen in weiter Ferne.

Morgen lesen Sie, wie groß die Verantwortung des behandelnden Arztes ist – und wie Christoph P. für seine Freundin kämpft. sw

(*alle Namen geändert)

 

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