Lokales AZ-Video: Der Grusel-Auftritt des Amokläufers von Ansbach

ANSBACH - Der 19-Jährige ist seit der Tat in der Psychiatrie. Mitleid mit seinen Opfern kennt er trotz Therapie nicht. Der Richter fürchtet Nachteile für den Angeklagten – und sperrt die Öffentlichkeit aus

 

Amokläufer übten auf Georg R. (19) schon seit langem eine unwiderstehliche Faszination aus. Im September letzten Jahres kam dann der Punkt, an dem im kranken Kopf des Schülers Phantasie und Wirklichkeit endgültig verschmolzen! Mit Messern, einer Axt und diversen Brandsätzen bewaffnet, richtete er im Gymnasium Carolinum ein Blutbad an. Seit Donnerstag wird die unfassbare Tat vor dem Ansbacher Landgericht juristisch aufgerollt.

Was für ein bizarrer, gruseliger Auftritt: Die Kapuze seiner Jacke hat sich Georg R. tief ins Gesicht gezogen. Sein schwarzer Schal geht bis zur Nase, seine Augen werden von einer Sonnenbrille verdeckt. Mehrere Polizeibeamte dirigieren ihn im Sitzungssaal 2 zur Anklagebank, wo er sich hinter der Anklageschrift verschanzt. In die Augen sehen, das signalisiert er auf diese Weise, soll ihm keiner.

84 Seiten Gewaltfantasien

15 Schüler und Lehrer des Ansbacher Gymnasiums wurden beim Amoklauf unterschiedlich schwer verletzt. Opfer wurden aber alle. „Wir werden immer wieder von den schrecklichen Ereignissen eingeholt“, berichtet ein Schüler, der den Weg in das Gerichtsgebäude gefunden hat, um einen Blick auf seinen ehemaligen Schulkameraden zu werfen. Auch mehr als ein halbes Jahr nach der Tat benötigt er psychologische Hilfe, obwohl er unverletzt blieb. So wie ihm geht es vielen anderen auch. Gleich nach der Verlesung der Anklageschrift wird die Öffentlichkeit vom Prozess ausgeschlossen. Unfassbar für viele Beobachter: Richter Bernd Rösch begründet dies mit sonst drohenden Nachteilen für die „persönliche, soziale und berufliche Entwicklung“ des jugendlichen Angeklagten. In der Mittagspause gelangten dann aber über zwei Justizsprecher trotzdem Einzelheiten über den Prozessverlauf nach draußen.

Besonders furchtbar: Georg R., der seit dem Amoklauf in der geschlossenen Abteilung des Bezirkskrankenhauses untergebracht ist, kennt keinerlei Mitleid mit seinen Opfern. „Mitleid zu empfinden, ist das Ziel meiner Therapie“, sagte er nach Angaben von Justizsprecherin Ilonka Mehl während der Verhandlung. Zum Tatablauf selbst äußert er sich nicht. Das lässt er seinen Anwalt mit einer Erklärung erledigen. Justizsprecher Thomas Koch: „Es war ein umfassendes Geständnis.“ Einblicke in seine irre Gedankenwelt lässt Georg G. dagegen bei der Schilderung seines Lebenslaufes zu. Dass er sich schon in der Grundschule ausgegrenzt und missachtet fühlte, dass er keine richtigen Freunde hatte, dass er als Jugendlicher von Selbstmordgedanken und Gewalt-Phantasien gepackt wurde, dass er die Menschen in seinem Umfeld, aber auch sich selbst, als nicht lebenswert empfand. Die Konsequenzen, die Georg R. daraus zieht, hat er auf einem UBS-Stick festgehalten. Im Prozess gehören die 84 ausgedruckten Seiten zu den wesentlichen Beweisstücken. Georg R. hat seine finsteren Planungen, die sich über Monate hinzogen und jedes Detail berücksichtigten, minutiös festgehalten. Sein oberstes Ziel war es, so viele Menschen wie nur möglich in der Schule zu töten. In der Anklageschrift schlägt sich das als 47-facher Mordversuch nieder. Georg R. warf demnach mehrere Molotowcocktails in zwei Klassenzimmer und wartete mit der Axt und Messern in den Händen vor dem Zimmer. Auf die in Panik flüchtenden Schüler schlug und stach er dann blindlings ein. Georg R. hatte auch seinen eigenen Tod eingeplant. Von der Polizei wollte er sich erschießen lassen. Doch diesen Gefallen taten ihm die Beamten nicht. Einer von ihnen feuerte aus seiner Maschinenpistole mehrere Schüsse auf ihn ab. Die Kugeln setzten Georg R. außer Gefecht. Aber er überlebte.

Helmut Reister

Mehr über den Prozess, die Situation der Opfer und die bizarre Liebe des Amokläufers zu einer Hollywood-Schauspielerin lesen Sie in der Print-Ausgabe Ihrer AZ am Freitag, 23. April

 

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