Lokales Ältester Nürnberger (107): Seit 90 Jahren in der Gewerkschaft

Beeindruckt vom Jubilar: die ver.di-Funktionäre Jürgen Göppner und Renate Popp zu Gast in Ziegelstein bei Martin Dressel, dem ältesten Nürnberger. Foto: ver.di

Martin Dressel blickt auf ein bewegtes Leben zurück: Er wanderte aus, entging mit Glück dem Krieg und den Nazi-Schergen. Bis heute engagiert sich der Ziegelsteiner

 

NÜRNBERG Zum 90. stehen die Gratulanten Schlange. Wenn es sich beim Jubiläum aber nicht um den 90. Geburtstag handelt, sondern um die 90-jährige Mitgliedschaft in einem Verband – in diesem Fall der Gewerkschaft –, und der Jubilar ganz zufällig als ältester Nürnberger gilt, ist es nur mit Gratulieren nicht getan.

„Eine sehr emotionale Angelegenheit“ war es für Mittelfrankens ver.di-Boss Jürgen Göppner, den 107 Jahre alten Martin Dressel „ehren zu dürfen“, in seiner Wohnung in Ziegelstein, die der betagte Mann einem Heim vorzieht.

Schon immer hatte er seinen eigenen Kopf: Als sich die wirtschaftliche Lage in der Zwanzigerjahren verschlechterte, und Dressel bei Siemens in der Nürnberger Südstadt 1924 noch 27 Stunden pro Woche arbeiten konnte, zog es ihn in die Ferne. Von Kanada träumte er, und machte sich auf den Weg nach Rotterdam, um dort das nächstbeste Schiff zu nehmen. Aber es kam anders: Der junge Mann erlag dem Charme der Hafenstadt – „den Fischen, den Südfrüchten“, erinnert er sich – und heuerte in einer Maschinenfabrik an. „Es war wie im Schlaraffenland“, lächelt der Greis: „Bald konnte ich mir eine 750er Harley Davidson leisten.“ Auch in der Liebe er hatte er Glück und verlobte sich mit seiner Alma, die aus Schleswig-Holstein stammte. Genau dorthin wollte sie mit ihrem Bräutigam zurück, um den Bund fürs Leben einzugehen. 1934, ein Jahr nach der Machtergreifung der Nazis, war Martin Dressel wieder in Deutschland. Und drei Jahre nach der Hochzeit in seiner Heimatstadt Nürnberg, mit seiner Frau und zwei Kindern.

Er zog nach Ziegelstein. In die Wohnung, in der heute noch lebt. Zunächst arbeitete er bei Siemens, entging dem Krieg nur, weil er zum Waffenfabrikanten Diehl abgeordnet wurde, auf eine „kriegswichtige Stelle“. In die NSDAP trat er nicht ein, „belferte“als überzeugter Gewerkschaftler auch gegen die Machthaber, blieb aber unbehelligt.

Nach dem Krieg fand der eine Stelle bei den Stadtwerken, der EWAG, bis er 1968 in den Ruhestand ging. Zumindest beruflich. Bis heute engagiert sich der passionierte Bergsteiger und Weltenbummler beim Roten Kreuz und der ver.di-Seniorengruppe. Leider hat sich sein gesundheitlicher Zustand nach einem Sturz verschlechtert. Seine Zuversicht und sein Gerechtigkeitssinn haben darunter nicht gelitten.

Steffen Windschall

 

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