Löwen-Rettung hängt an DFL Kippt dank Ismaik die 50+1-Regel?

Sportrechtler Thomas Steeger glaubt, dass 1860 gute Karten hat, weil die Liga den Rechtsstreit fürchtet.

AZ: Herr Steeger, der Investor-Einstieg bei 1860 hängt nur noch an der Deutschen Fußball Liga (DFL). Sie behaupten, deren 50+1-Regel ist juristisch nicht tragbar und wird bald kippen. Wieso?

THOMAS STEEGER: Es geht um mehrere Dinge. Erstens um das nationale Recht, Artikel drei Grundgesetz. Man kennt die Fälle Bayer Leverkusen und VfL Wolfsburg. Da liegt eine klare Verletzung der Vorschrift der Gleichbehandlung vor. Warum ist es diesen beiden Vereinen als 100-prozentige Töchter großer Konzerne erlaubt, von der Regel quasi ausgenommen zu sein? Selbst die DFL bestreitet die Ungleichbehandlung nicht. Zweitens: das EU-Recht. Hier ist eine Verletzung der Freiheit des Kapitalverkehrs gegeben. Das heißt, Träger hoheitlicher Gewalt dürfen nichts unternehmen, was die Nutzung, den Transfer oder die Investition von Geld behindert. Diese Regelung gilt unstreitig auch für Sportverbände, das hat der EuGH (der Europäische Gerichtshof, d.Red.) mehrfach unmissverständlich klargestellt. Und drittens werden kartellrechtliche Vorschriften des Vertrags zur Gründung der EG verletzt, die für marktbeherrschende Unternehmen gelten. Sie gelten aber auch für große Verbände wie die Fifa und die DFL. Der EuGH hat mehrfach klargestellt, dass das europäische Kartellrecht auf den Sport anwendbar ist.

Für Sie ist das DFL-Statut keine Regel, sondern eine Investitionsbremse.

Ja, der Grund liegt auf der Hand. Wenn jemand ernsthaft Geld investieren will, will er auch entscheiden, was damit passiert. Im hohen Maße zu investieren, ohne Mitspracherecht zu haben, schreckt ab. Investoren sind es generell gewohnt, selbst zu entscheiden, was mit ihrem Geld passiert. Und das ist durch die 50+1-Regel eben nicht möglich, was wiederum Investitionsbereitschaft verhindert.

Wovor scheut sich die DFL?

Das kann ich nicht beantworten. Die DFL argumentiert wie folgt: Sie will ihre Stabilität und Konkurrenzfähigkeit gewährleisten, sie will einen integeren Wettbewerb garantieren und glaubwürdig rüberkommen. Da geht es auch um das Image der Liga. Im Übrigen wird sicher in erster Linie der Verlust von Einfluss befürchtet.

Steht die DFL unter Druck?

Ja klar, sehr sogar. Und vor allem: mehr denn je. Von Martin Kind (Präsident von Hannover 96, d.Red.) wird sie ja schon lange angegriffen, und sie weiß genau, wohin die Reise gehen wird. Die DFL weiß also, dass ihre Regel vor Gericht nicht halten wird.

Also könnte das Timing von 1860 und des möglichen Investors nicht besser sein, um den Druck noch zu vergrößern.

Stimmt, ich bin sicher, dass der Verband ein streitiges Verfahren vor einem ordentlichen Gericht scheuen würde wie der Teufel das Weihwasser. Denn dort würde der DFL, auf Deutsch gesagt, ins Gebetbuch geschrieben bekommen, dass die Regelung weder verfassungs- noch EU-rechtskonform ist. Dazu muss man kein Hellseher sein. Sollte die Geschichte erst mal zum EuGH gehen, gäbe es kein 50+1 mehr. Unter Sportrechtlern ist dies einhellige Meinung.

So gesehen überrascht es, dass die Liga die Verträge zwischen 1860 und Ismaik mehrfach abgeblockt hat.

Die wissen auch, dass 1860 mit dem Rücken zur Wand steht. Und sie wissen um den enormen Zeitdruck des Vereins. Das stärkt ihre Position. Außerdem könnte sie ja nach aktuellem Rechtsstand die Lizenz verweigern. Mehr hat sie aber nicht in der Hand. Ich glaube auch nicht, dass DFL die harte Linie der Vergangenheit fortführt. Die weiß genau, sie gerät bald an den Falschen. Irgendwann trägt jemand die Regelung vor Gericht, dann ist Feierabend. So gesehen kann ich mir durchaus eine weichere Linie vorstellen. In Frankfurt wird man eine gerichtliche Klärung unter allen Umständen verhindern.

Das heißt, Ismaik könnte entscheidend für den Fall der 50+1-Regel werden?

Das ist möglich, ja. Ich könnte mir auch vorstellen, dass sich der Investor nicht scheut, die Regel sogar selbst anzugreifen, wenn er erstmal im Boot sitzt und über die Lizenz verfügt. Es hindert ihn ja niemand daran, wenn er die Lizenz hat, sich zum Beispiel an die Klage von Martin Kind dranzuhängen. Wenn die Regel bis dahin nicht sowieso schon der Vergangenheit angehört.

 

0 Kommentare