Literatur Weltflüchtender Welterfolg

Das Denkmal für Hermann Hesse in seiner württembergischen Heimat Calw. Foto: dpa

Hermann Hesse starb vor 50 Jahren, er war erfolgreich und umstritten, die Hippies machten ihn zu der großen Legende

 

Die Gesamtauflage seines in nahezu 60 Sprachen übersetzten Werkes beträgt über 100 Millionen Exemplare. Hermann Hesse ist der weltweit meistgelesene deutsche Schriftsteller. Seine Bücher sind Seelenbiografien. Dies erklärt ihre bleibende Faszination: Der Leser findet sich mit seinen existenziellen Fragen wieder.

DER REBELL
Hesse, 1877 im württembergischen Calw geboren, stammte aus einer pietistischen Familie. Die Eltern wollten aus ihm einen Geistlichen machen. Nach einem Selbstmordversuch ließ ihn sein Vater in einer Nervenheilanstalt unterbringen.

ANFÄNGE
Als Volontär einer Tübinger Buchhandlung kam Hesse zur Ruhe. Neben seiner Arbeit als Buchhandlungsgehilfe in Basel begann er für Zeitungen zu schreiben. Der Erfolg seines Debütromans „Peter Camenzind” (1904) ermöglichte es ihm, als freier Schriftsteller zu leben. Mit „Unterm Rad” (1906) und „Rosshalde” (1914) verfestigte er seinen Ruf als kritischer Autor.

LEBENSREFORM
1907 lebte Hesse vier Wochen auf Monte Verità bei Ascona, übernachtete im Freien und ernährte sich von Beeren, Sauerampfer und Nüssen. Er hielt eine „Regeneration unserer Völker und ihres gesamten Lebens” durch „Früchtenahrung und Annäherung an das Nacktleben” für möglich. 1910 kletterte er nackt und holte sich einen Schnupfen. Allerdings ist auch belegt, dass er trotz seiner Zivilisationskritik 1909 schon Coca-Cola trank.

KRIEGSGEGNER
Bald nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs veröffentlichte er in der „Neuen Zürcher Zeitung” den Aufsatz „O Freunde, nicht diese Töne”. Er appellierte an deutsche Intellektuelle, nicht in nationalistische Polemik zu verfallen. Die deutsche Presse attackierte ihn, er erhielt Hassbriefe, Freunde sagten sich von ihm los.

LEBENSKRISE
Die öffentliche Ablehnung, der Tod seines Vaters und die psychische Erkrankung seiner ersten Frau Maria stürzten Hesse in eine schwere Krise. Als erster deutscher Dichter unterzog er sich 1917 einer Psychoanalyse. Auch das Malen half ihm bei seiner Selbstfindung.

TESSIN

Nach der Trennung von seiner Frau nahm er 1924 die Schweizer Staatsbürgerschaft an. In Montagnola bei Lugano entstanden mit „Siddhartha” (1922), „Der Steppenwolf” (1927), „Narziss und Goldmund” (1930) und „Das Glasperlenspiel” (1943) seine bedeutendsten Werke. Dem Nationalsozialismus stand er distanziert gegenüber. Verboten wurde er nicht: Zwischen 1933 und 1945 wurden in Deutschland fast eine halbe Million seiner Bücher verkauft.

ALTER
An der Haustür hing das Schild „Bitte keine Besuche”. Den Nobelpreis 1946 holte er nicht persönlich ab. Bis zu seinem Tod im Jahr am 9. August 1962 beantwortete er Tausende von Briefen junger Leser. Ihnen empfahl er, eigensinnig zu sein und auf sich selbst zu hören.

POPSTAR
In den 1960er Jahren wurde Hesse zum Heiligen der Psychedelics und Hippies. „Siddhartha” und „Der Steppenwolf” wurden in den USA zu Kultbüchern. Letzteren hielt der Drogen-Guru Timothy Leary für das Ergebnis eines Trips. Doch Hesse trank nur reichlich Rotwein.

FRAUEN
Hesse war dreimal verheiratet. Mit Ninon, die ihm schon als Fünfzehnjährige Briefe schickte und seine dritte Ehefrau wurde, kommunizerte er überwiegend schriftlich, obwohl sie im gleichen Haus lebte.

BÜCHER
Hesse liebte Gärten. Als von 1907 bis 1912 in Gaienhofen am Bodensee lebte, pflasterte er mit zugesandten Besprechungsexemplaren von Büchern die Wege.

ZITAT
„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne” aus dem 1941 entstandenen Gedicht „Stufen” – unerlässlich auf Grußkarten zum Umzug.

MUSIK
Hesse liebte Mozart. Die ersten drei der „Vier letzten Lieder” von Richard Strauss aus dem Jahr 1948 sind Hesse-Vertonungen. Er hörte die Gesänge einmal im Radio und mochte sie nicht.

KRITIK
„Er schleimt. Er salbadert. Und ganz grauenhaft ist mir, dass er mitten in der Erzählung anfängt, seine persönliche Meinung über die Probleme, die da angeschnitten werden, kundzutun. Wie unkünstlerisch” (Erich Mühsam).

Gunnar Decker: „Hesse – Der Wanderer und sein Schatten” (Biografie, Hanser, 703 S., 26)

 

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