Literatur und Politik Wählt Herr Goethe diese Linke?

Wird der große Weimarer Geheimrat Goethe (hier als Wachsfigur) von Sahra Wagenknecht angehimmelt, rot umgarnt oder einfach nur richtig interpretiert? Foto: Albert Wimmer

Wird der Gasteig zur Kommunistischen Plattform? Das könnte spannend werden, wenn Sarah Wagenknecht nächste Woche Goethe auf Karl Marx treffen lässt und unser bürgerliches Bild der Weimarer Klassik nach links zurecht rückt.

 

AZ: Frau Wagenknecht, freuen Sie sich auf Goethe und das bürgerliche München?

SAHRA WAGENKNECHT: Ich liebe Einladungen, die einmal nicht vordergründig politisch sind. Goethe habe ich immer wieder gelesen. So könnte es ein spannender Abend werden, gerade auch als Kontrast zum Politalltag.

Das Thema „Goethe trifft Karl Marx – Faust ein Frühkapitalist?“ ist dann doch wieder politisch formuliert.

Ja, aber ich muss einmal nicht über den Berliner Politzirkus oder die jammervolle SPD reden. Und Faust ist nicht der klassische Frühkapitalist. Das wäre eine verengende Sicht. Faust schlüpft am Schluss in die Rolle eines Unternehmers – mit allen positiven wie unmenschlichen Folgen. Aber zuvor ist er vor allem aber ein Humanist mit großen Idealen und Lebenshunger, einer, der nach Schönheit, Sinnlichkeit und Genuss strebt. Mephistopheles vertritt da viel eher ein kapitalistisches Prinzip.

Weil der Teufel in „Faust II“ das Papiergeld erfindet?

Auch. Er tut dies, um den Staatsbankrott abzuwenden und die irrsinnig hohen Militärausgaben zu finanzieren. Das ist faszinierend aktuell und hat mit Kapitalismus zu tun, mit dessen Tendenz, Scheinwerte zu schaffen. Es ist ja ein Wesen des Kapitalismus, ununterbrochen Rendite erwirtschaften oder erspekulieren zu wollen, ohne zu fragen: Welcher Wert steckt eigentlich dahinter? Tatsächlich kann das reiner Schaum sein, wie ein Großteil der Werte auf dem heutigen Finanzparkett. Im „Faust“ ist der Kaiser erst einmal froh, dass er alles finanzieren kann, aber am Ende steht der Finanzkollaps.

Karl Marx war durch den „Faust“ zur Idee inspiriert, dass „Geld der Geist aller Dinge“ sei. Ist hier der Geist auch als „gespenstisch“ gemeint?

Goethe hat natürlich nicht den ganzen Marx vorweggedacht. Aber er hatte ein Humanitäts-Ideal. Ihm graute vor einem System, in dem sich alles rechnen muss. Für Profit wird über Leichen gegangen. Es wird dabei nicht nur die alte feudale Welt gesprengt, sondern beim Urbarmachen der Küstenlandschaft werden Menschenleben und eine soziale Idylle – die von Philemon und Baucis – zerstört. Modern zynisch würde man sagen: Das sind die „Kollateralschäden“ des Kapitalismus’.

Aber ist nicht Goethe selbst auf Fausts Seite, wenn er ihm am Ende Erlösung gönnt?

Äußerungen Goethes belegen, dass er die enormen wirtschaftlichen Potenziale des Kapitalismus glasklar gesehen hat. Er hatte damit ja auch Recht. Aber Goethe hat auch geahnt, welche fatale Zerstörungskraft dieser Wirtschaftsordnung innewohnt, wie sie unsere kulturellen Grundlagen und Werte, den sozialen Zusammenhalt und die Natur ruinieren kann. Für mich ist das „erlösende“ Ende des „Faust“ eher Ausdruck für Goethes Überzeugung, dass die Menschheit sich aus dieser durch-ökonomisierten Gesellschaft irgendwann wieder befreien wird. Faust wird erlöst, nachdem er blind geworden ist, die Zerstörungsfolgen des Kapitalismus nicht mehr sehen kann. Wenn Goethe den Kapitalismus für das Ende der Geschichte gehalten hätte, gäbe es keine Erlösung.

Ist das ein Grund, warum der Sozialismus den „Faust“ für sich beansprucht hat? Der DDR-Staatsratsvorsitzende und SED-Chef Walter Ulbricht hat die DDR als „Dritten Teil des Faust“ bezeichnet.

Dagegen konnte sich Goethe nicht wehren. Man sollte die Klassik nicht ideologisch vereinnahmen. Die DDR war weit entfernt von dem Gesellschaftsideal selbstbestimmter Menschen, das Goethe als Humanist im Auge hatte. Allerdings muss man sehen, dass die klassische Literatur in der DDR-Schulbildung eine weit größere Rolle spielte als heute. Es ist jämmerlich, wie wenig diese große kulturelle Tradition noch lebendig ist. Immer mehr Jugendliche denken noch bei ihrem Schulabschluss, wenn von Goethes „Faust“ die Rede ist, eher an Boxen als an Literatur. Dazu passt, dass Theater in Deutschland zunehmend ausgehungert und Bibliotheken geschlossen werden. Im intellektuellen Leben findet die Klassik kaum noch statt. So geht die Substanz humanistischer Kultur verloren. Wir brauchen aber gesellschaftliche Verhältnisse, in denen die Klassik mit ihren Idealen wieder leben kann. In den Vorabendserien oder der Sprache der „Bild“-Zeitung tut sie das jedenfalls nicht.

Nun beanspruchen ja immer gerade bürgerlich-konservative Kreise den Klassiker Goethe für sich.

Das ist ja das Paradox: Natürlich müsste Goethe bildungsbürgerlicher Kernbestand sein. Aber die Bürgerlichkeit, die heute politisch oder auch wirtschaftlich den Ton angibt, hat längst jeden Bezug zu den klassischen Idealen verloren. Sie gestaltet eine Gesellschaft, die den Druck auf die Arbeitenden immer mehr erhöht, so dass sie keine Zeit mehr haben, sich um Theater, Bildung und Lesen zu kümmern. Der hyperflexible Mensch, der im Dienste der Rendite schuftet, der sein Leben nicht mehr planen kann, weil er sich von einem befristeten Job zum nächsten hangelt, oder der Arbeitslose, der seine Qualifikation und Leistung nicht mehr einbringen kann: Ihnen allen werden Lebensmodelle aufgezwungen, die den klassischen Werten ins Gesicht schlagen. Wer für solche Verhältnisse mitverantwortlich ist, heuchelt, wenn er Goethe im Mund führt und für sich vereinnahmt.

Wenn Goethe in seiner damaligen Art in der Gegenwart leben würde, wäre er heute ein typischer Wohlstands-Grüner?

Naja, ein schönes Bonmot von Goethe in einem Brief an Zelter lautet: „Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen.“ Ich glaube nicht, dass Goethe den Besserverdiener-Ökotrip der Grünen besonders sympathisch gefunden hätte. Goethe wäre ganz sicher für eine nachhaltige Wirtschaft eingetreten, die den Umgang mit Natur und Ressourcen in Einklang bringt mit den Bedürfnissen heutiger und zukünftiger Generationen. Aber ich habe Zweifel, ob er das bei den Grünen gut aufgehoben gesehen hätte. Zwischen dem Anspruch dieser Partei und ihrer Realpolitik klafft eine peinliche Kluft. Wer den ökologischen Wandel wirklich will, muss auch den Kapitalismus infrage stellen. Das tun die Grünen nicht.

Hätte Goethe Sympathie für „Die Linke“?

Zumindest könnte er mit seinen humanistischen Überzeugungen heute eigentlich nur ein Antikapitalist sein, der für eine andere Gesellschaft streiten würde.

Und was würde Faust wählen?

Als einer, für den Stillstand die Todesstrafe bedeutet, könnte er sich definitiv nicht mit dem Status Quo abfinden. Er wäre also sicher kein Konservativer.

Adrian Prechtel

Sahra Wagenknecht: „Goethe trifft Karl Marx – Faust ein Frühkapitalist?“ in der Gesprächsreihe „Goethe im Gasteig“: Mittwoch, 23. Februar, 20 Uhr, Black Box

 

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