Literatur Pantoffeltierchen leben einsam

Judith Schalansky hat eine Schwäche für Tiere. Ihr Roman „Der Hals der Giraffe“ enthält ziselierte Grafiken von Quallen, Kaulquappen und dem Schnabeltier. Foto: Schleyer/Suhrkamp

Die Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky über die Schule, ihre Heimat Vorpommern und den langen Hals der Giraffe

Die Evolution bringt schon merkwürdige Exemplare der Spezies Mensch hervor. Zum Beispiel Inge Lohmark, Biologielehrerin an einem Gymnasium in einem Kaff irgendwo in Vorpommern. Die 55-Jährige sieht sich täglich mit faulen Schülern konfrontiert, die sie leidenschaftlich maßregelt, wobei sie selbst eine Tochter hat, die sich vor Jahren in die USA abgeseilt hat. Das Porträt dieser eigenwilligen Frau entwirft Judith Schalansky in ihrem Bildungsroman „Der Hals der Giraffe”. Seit Monaten hält sich das Buch auf den Bestsellerlisten, am Mittwoch liest die Autorin im Literaturhaus.

AZ: Frau Schalansky, hatten Sie in Ihrer Schulzeit Lehrerinnen wie Inge Lohmark?

JUDITH SCHALANSKY: Nein, so eine nicht. Aber ich hatte Lehrer, wie viele andere auch, denen man menschliche Regungen nicht zutraute und bei denen man das auch selten erlebte. Solche Menschen, die ganz in ihrer Rolle aufgehen und darauf bedacht sind, ja nichts von sich zu verraten.

Lohmark wirkt erst unsympathisch, kommt aber dem Leser immer näher. Wie kamen Sie auf die Idee, mit dieser Anti-Heldin ein Buch zu bestreiten?

Ich wollte unbedingt mal etwas über die Schule machen, weil ich ein sehr spezielles Verhältnis zu dieser Welt habe. Ich bin wahnsinnig gerne hin gegangen. Meine Eltern waren Lehrer. Deshalb bin ich schon, bevor meine Schulzeit los ging, im Lehrerzimmer oft rumgesessen. Da merkt man, wie genervt Lehrer sein können. Außerdem hat mich gereizt, eine naturwissenschaftliche, scheinbar gefühlsökonomische Welt zu entfalten, um zu überprüfen, inwiefern das überhaupt stimmt. Biologie steckt voller Mythen und teilweise märchenhafter Anmutungen.

Vorpommern hat etwas Gespenstisches: Pflanzen wuchern aus den Ritzen, die Schule steht vor dem Aus. Ist dies das Bild, was sich Ihnen in Ihrer Heimat offenbart?

Wenn ich hochfahre, dann sehe ich diese entvölkerte Landschaft, wobei ich die auch gerne mag. Ich bin in Greifswald geboren. Das ist eine wunderbar sanierte Universitätsstadt. Wenn man aber ins Hinterland fährt, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Es gibt dort diese Atmosphäre des Zurückgelassen-Wordenseins. Außerdem kenne ich durch meine Eltern diese ganze Diskussion mit den Schulzusammenlegungen und weiß, wie oft die Kinder stundenlang im Bus fahren müssen, bis sie in der Schule sind. Alle Schulen, auf denen ich war, gibt es nicht mehr, bis auf das Gymnasium.

Gibt es für Sie einen idealen Lehrer?

Es geht mir nicht darum, ein Ideal zu formulieren, weil ich daran nicht glaube. Ich finde es interessanter, dass man dieser Lohmark ab und zu recht geben muss. Ich halte Schule per se für einen utopischen Raum und habe mir beim Schreiben gedacht, wie verrückt es eigentlich ist, dass man mit der größten Selbstverständlichkeit da hinmarschiert, zu Menschen, die einem einfach vorgesetzt werden. Es ist erstaunlich, dass es diese Art von Freiheitsentzug und Manipulation gibt.

Sie haben dieses Buch wie Ihre vorherigen auch selbst gestaltet: die Typographie, den Einband aus grauem Leinen, die Illustrationen, etwa von einer Fledermaus oder einem Pantoffeltierchen.

Es war klar: Das Pantoffeltierchen musste rein! Das ist einfach eine Ikone des Biologieunterrichts, genauso wie der Archaeopteryx. Ich habe beim Schreiben auf den Punkt gearbeitet, so dass die Bilder an einer ganz bestimmten Stelle kommen. Ich bin dabei immer noch geflasht, was mit so einer leeren Seite passiert, wenn man nur etwas Kleines darauf setzt. Allein diese Seite mit dem Pantoffeltierchen, das wahnsinnig klein und einsam ist.

Und zur Metapher für die Heldin wird.

Total! Oder auch die Steller'sche Seekuh, was ja ein hinreissendes Tier ist.

Der Hals der Giraffe wurde im Laufe der Evolution länger, damit das Tier an die Blätter der Bäume herankommt. Das ist auch ein schönes Bild für das Streben nach Höherem. Was hat denn Ihren Hals lang gemacht?

Ich denke schon, dass es auch bei mir von Grund auf eine Art von Streben gibt, den Wunsch, etwas zu zeigen. In der Schule bin ich oft nach der Stunde zum Lehrer gegangen und habe gesagt, was mir gut gefallen hat und was ich gerne noch verbessern würde. Man kann sich also vorstellen, was für eine nervige Schülerin ich war. Ich bin ganz froh, dass ich jetzt Formen gefunden habe, die meiner Umwelt vielleicht mehr Freude bereiten.

Judith Schalansky: „Der Hals der Giraffe” (Suhrkamp, 224 Seiten, 21.90 Euro). Lesung am Mi. 20 Uhr, im Literaturhaus

 
 

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