Literatur Ken Follett stellt seinen neuen Roman vor

Ken Follett vor einem Romanschauplatz im spanischen Belchite. Foto: Olivier Favre/Lübbe Verlag

Der britische Bestsellerautor beschäftigt 22 hauptberufliche Mitarbeiter

Immer wieder läuft Ken Follett den kleinen Hügel neben der Kirchenruine hinauf. Dreimal, viermal, noch einmal. Der Blick schweift in die Ferne. Vor ihm stehen Kameraleute und Barbara, die ehemalige Labour-Ministerin, die ihrem Gatten in einer Pause das Gesicht abpudert. Follett lässt die Prozedur nicht nur über sich ergehen, er geniesst sie, lächelt charmant, posiert.

Mit der cremefarbenen Stoffhose, dem hellblauen Hemd und dem Strohhut wirkt der Brite, als würde er einen Imagefilm für den früheren Kolonial-Stil seiner Landsleute drehen. Um seinen neuen Roman "Winter der Welt" vorzustellen, hat der Autor in den spanischen Ort Belchite geladen, der während des Bürgerkriegs in den 30er Jahren fast vollständig zerstört wurde.

Er liebt solche Inszenierungen, obwohl er sie eigentlich nicht mehr nötig hat. Der Spionage-Thriller "Die Nadel" machte ihn 1978 weltberühmt, seitdem landete jede weitere Veröffentlichung, darunter , "Die Leopardin" und "Die Tore der Welt" in allen grossen Lese-Nationen auf der Bestseller-Liste. 2004 wählten die Deutschen seinen Mittelalter-Schmöker "Säulen der Erde" in der ZDF- "Unsere Besten"-Liste hinter Tolkiens "Herr der Ringe" und der Bibel auf Platz drei. Sie kauften fünf Millionen Exemplare.

Insgesamt 22 Mitarbeiter planen mittlerweile seine Termine, regeln die Finanzen und kümmern sich um die gut 1100 Verträge mit Verlagen auf der ganzen Welt. "Das Einzige, womit sie nichts zu tun haben, ist das Schreiben", sagt Follett. "Dafür muss ich mir keine Gedanken um den Rest machen." Normalerweise arbeitet der 63-Jährige an einem derart umfangreichen Wälzer etwa drei Jahre, für "Winter der Welt" hat er knapp zwei gebraucht. "Selbst abends im Bett denke ich über meine Geschichten nach", sagt er. "Und ich habe jeden Tag aufs Neue Lust, mich an den Schreibtisch zu setzen. Wer Zeit vertrödelt, wird nie etwas zu Ende bringen."

Er sei allerdings etwas organisierter als der Durchschnitt, vermutet Follett, der für seinen Recherchefleiss bekannt ist. Acht Monate lang liess er sich von Faktensammler Dan Starer und einem ganzen Stab an Detailexperten - etwa für Waffenkunde - Originaldokumente, Korrespondenzen und Tabellen anschleppen. Lesen musste er selbst. "Wichtig ist, dass ich alles habe, was ich für die Dramatik brauche", sagt er. "Meine Suche endet, wenn ich eine Szene sehen kann."

Dabei hilft ihm vor allem, an die Orte des Geschehens zu fahren, in Belchite war er zweimal. Als wir heute mit ihm ankommen, erkennen wir schon aus der Ferne das Kirchturm-Skelett, das einsam in den Himmel ragt. Die Restmauern der Häuser mit ihren eisernen Balkonen, die links und rechts die schmutzigen Wege säumen, erinnern an eine Western-Kulisse und sind Mahnmal zugleich.

Es ist Anfang September und die Sonne sorgt dafür, dass die Luft leicht flimmert. Vor genau 75 Jahren kämpften die Republikaner hier gemeinsam mit zahlreichen Freiwilligen aus allen Teilen Europas gegen die Nationalisten um Franco. Man kann sich in der Gluthitze leicht vorstellen, wie die oft ungeübten Soldaten der Linken litten, als sie sich durch die Wände gruben, um dem Feind nicht von Beginn an schutzlos ausgeliefert zu sein. Im Roman lässt Follett bei dem militärischen Desaster, das folgte, 30 Männer im Kugelhagel sterben. Natürlich ist diese Schlüsselszene in ihrer exakten Beschreibung erfunden, tatsächlich aber könnte sie sich ganz ähnlich abgespielt haben.

Überhaupt bleibt Follett in "Winter der Welt" - wie gewohnt - dicht an der möglichen Realität. Die historischen Tatsachen stimmen, die politischen Zusammenhänge und Verwicklungen sind knapp und sachlich erklärt: Wie die Nazis in Deutschland innerhalb kürzester Zeit die Macht an sich rissen, wie sich die USA den Folgen der Weltwirtschaftskrise stellen mussten, wie in Russland die Hoffnung der Revolution dem Terror wich. Trotzdem sieht er sich nicht als Lehrer. "Es ist ja nicht so, dass ich irgendwem Wissen eintrichtern will", sagt er. "Ich halte mich auch nicht für schlauer als meine Leser. Mir geht es darum, dass die Leute den verdammten Fernseher ausschalten und ein Buch lesen."

Der Erfolg der Maschinerie Follett hat viel mit Handwerk zu tun, und mit Einfachheit. Der Brite hält nichts von verschachtelten Handlungssträngen, verwendet keine komplizierten Motive und kaum Sätze, die länger sind als zwei Zeilen. "Ich habe einen Sprachstil, der sehr schlicht ist", sagt er. "Deshalb lassen sich meine Bücher so gut übersetzen." Dass die Dialoge teilweise den Eindruck erwecken, als habe er seinen Protagonisten Passagen aus einem Geschichts-Schulbuch in den Mund gelegt, scheint ihn nicht zu stören, auch nicht, dass sich die obligatorischen Sexszenen, in die er seine Figuren alle paar Kapitel verwickelt, nicht weit über Kitschroman-Niveau erheben.

Follett schreibt für die Massen. "Deshalb erzählen meine Geschichten nicht von innerer Zerrissenheit, sondern von Leuten, die etwas tun." Also von einer Kategorie Mensch, zu der man auch ihn zählen muss. Während er noch mit uns in Spanien weilt, arbeitet er schon am Abschluss der Trilogie, der den Titel "Edge of Eternity" tragen und mit dem Bau der Mauer in Berlin beginnen wird. 

Ken Folletts "Winter der Welt" (Lübbe, 1022 Seiten, 29.99 Euro) erscheint am 18. 9.

 

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