Literatur Kein Platz für Intoleranz

John Winslow Irving (geboren am 2. März 1942 in Exeter, New Hampshire) ist ein US-amerikanischer Romanautor. Foto: dpa

John Irving hat mit „In einer Person“ einen bewegenden Roman über sexuelle Identitäten geschrieben

 

In diesem Jahr ist er 70 geworden, Das hindert John Irving aber nicht daran, am Interviewer gleich mal einen Ringergriff auszutesten. Schnell wird klar: Der Mann ist noch immer absolut überwältigend – natürlich auch als Autor. In seinem 13. Roman „In einer Person“ (Diogenes) beschreibt Irving die (bi-)sexuelle Entwicklung des jungen William (Bill) Abbot, der in den 50er Jahren im Provinzmief von First Sister in Vermont emotional durchgeschüttelt wird. Über fünf Jahrzehnte begleitet Irving die amourösen Eskapaden seines Helden in diesem gewohnt lebensprallen, warmherzigen und ungewohnt gesellschaftspolitischen Roman.

AZ: Herr Irving, Ihre Hauptfigur Bill teilt mit Ihnen das Geburtsjahr, das Deutschstudium, den Aufenthalt in Wien – und das Liebesleben?
JOHN IRVING: Meine Arbeit als Schriftsteller ist es, Figuren zu entwickeln, die wesentlich schwierigere Widerstände im Leben zu überwinden haben, als ich selbst es musste. Und die dabei die Herzen der Leser erobern sollten. Ich war aber nie daran interessiert, mein eigenes Leben aufzuschreiben, das wäre zu langweilig, für den Leser – aber auch für mich.

Es war zu lesen, Sie hätten das Buch für Ihren Sohn Everett geschrieben, nachdem dieser seine Homosexualität entdeckt habe.
Das habe ich auch gehört, aber es stimmt so nicht. Ich hatte das Buch schon mindestens acht Jahre vorher komplett ausgearbeitet, mit der Story und allen Hauptpersonen. Beim Schreiben selbst aber habe ich immer gedacht, wenigstens ein Mensch, nämlich Everett, wird es verstehen. Ich habe ihn mir als perfekten Leser vorgestellt, so wie ich meine Söhne Colin und Brendan als ideale Leser im Kopf hatte, als ich damals „Garp“ schrieb. Aber auch da war die Geschichte schon lange vorher fertig.

Und war Everett der perfekte Leser?
Oh ja, er sagt, das sei mein bestes Buch. Ich weiß aber, dass er nicht alles von mir gelesen hat. Er ist erst 21, studiert und muss andere Sachen lesen. Außerdem bin ich wahrlich nicht der Typ, der seine Söhne am Frühstückstisch mit Fragen zu seinem Werk gequält hat. Das Buch ist eine Identitätsfindung nicht nur im sexuellen Sinne. Der Moment auf der Türschwelle zwischen Kindheit und Erwachsenwerden ist immer der Punkt, der mich als Schriftsteller am meisten interessiert. Ich liebe diesen Moment.

Sie schildern auch die Geschichte der Schwulenbewegung in den USA – bis heute politisch heiß umkämpft.
Man kann eine Gesellschaft sehr genau danach beurteilen, wie frei und sicher sich Menschen in ihr fühlen können, ihre sexuelle Identität offen auszuleben. Von Sophokles über Shakespeare bis Dickens oder Melville waren Schriftsteller doch immer daran interessiert, darüber zu schreiben, was Gesellschaften erlaubten oder verdammten. Warum ist Shylock aus dem „Kaufmann von Venedig“ von Shakespeare nach über 400 Jahren heute noch so interessant? Weil die Gesellschaft, in der er lebt, ihn gelehrt hat, zu hassen – und er sie dafür hasst.

Hat der diesjährige US-Wahlkampf die Gesellschaft gespalten?
Ihr habt in Europa eine übertriebene Vorstellung von den extrem rechten US-Kirchengemeinden bei uns – weil sie laut und aggressiv sind und das Programm der Republikaner diktiert haben. Die Mehrheit der Menschen aber ist tolerant – auch wenn Amerika in Bezug auf Liberalität und Toleranz Europa hinterher hängt. Aber ich bin besorgt.

Warum?
Ich bin häufig und sehr gerne in Europa. Aber dieses Jahr spüre ich eine Klimaveränderung. Ich war in Skandinavien, Holland, Belgien und höre zum ersten Mal, dass ihr auch eine muslimische Minderheit habt, die Schwule oder Lesben auf der Straße anpöbelt oder attackiert: Eine kleine Gruppe von Männern, die sich als eine „sexuelle Polizei“ aufspielt, das habe ich selbst in Amsterdam, der Bastion der Liberalität, gehört. Natürlich sind diese jungen Männer auch nur eine Minderheit in der muslimischen Kommune. Aber die Gesellschaft sollte sich intolerant gegen die Intoleranten verhalten, selbstverständlich auch dann, wenn Muslime von Rechten bedroht werden.

Die heutige Lesung mit John Irving im Residenztheater ist ausverkauft

 

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