Literatur Karl-Heinz Otts Roman "Die Auferstehung"

Der Schriftsteller Karl-Heinz Ott Foto: dpa

Karl-Heinz Ott rechnet mit der 68er Generation ab - auf sehr amüsante Weise

Die „ungarische Hure“ hat ihn kaputt gemacht, da sind sich die vier Geschwister sicher. Im Alter von 89 Jahren ist ihr Vater Jan Nido gestorben, nun versammelt sich die Restfamilie um den Leichnam, wartet auf den Rechtsanwalt und befürchtet Schlimmstes: Denn der Vater, der in den letzten Lebensjahren durch sein Medikament gegen Parkinson vor allem triebgesteuert lebte, hat seiner osteuropäischen Pflegerin bereits das Ferienhaus oberhalb des Lago Maggiore überschrieben – und vor seinem Tod auch noch das Familienhaus?

Die Nachkommen? Alles Verlierer

Aus dieser kammerspielartigen Grundsituation entwickelt Autor Karl-Heinz Ott einen Roman, der sich vor Yasmina Rezas scharfzüngig-satirischen Schlachten in keinster Weise verstecken muss. Otts Dialogkunst ist ebenso überwältigend wie seine Gabe, seine Figuren auf warmherzig-humorvolle Art bloßzustellen. Denn die versammelten Nachkommen des Chefarztes der Ulmer Uniklinik bilden ein herrliches Panoptikum der auf sympathische Weise Gescheiterten. Joschi, Marxist und Rechthaber, hat keinen Platz im Leben gefunden und einen äußerst desaströsen Umgang mit dem Kapital entwickelt. Jakob pflegt als freiberuflicher Kulturjournalist einen hedonistischen Lebensstil in Paris, den die immer spärlicher werdenden Aufträge gar nicht mehr hergeben. Uli lebt ein bekifftes Aussteigerleben als Werklehrer an der Walddorfschule auf der Schwäbischen Alb, und Linda leitet als promovierte Kunsthistorikerin eine winzige Galerie in Memmingen.

In langen Gesprächen und Rückblenden entwirft Ott das Porträt einer Generation, die mit riesigen Idealen aufwuchs, die gesellschaftliche und provinzielle Enge hinter sich lassen wollte und längst den Revolutionsgeist gegen bürgerliche Bequemlichkeit eingetauscht hat, soweit man sich diese überhaupt leisten kann. Denn das Erbe bräuchten fast alle.

Aufstieg und Fall der Nido- Familie vollziehen sich innerhalb von zwei Generationen, Ott bemüht eine Metapher: „Es verhält sich mit dieser Familie wie mit dem Okavango. (...) Es ist der einzige Strom der Welt, der sich, noch bevor er das Meer erreicht, im wahrsten Sinne des Wortes so lange verläuft, bis seine Wasser stehenbleiben und bloß noch vor sich hin dümpeln, verschlammen, versickern oder verdunsten.“

Aber weil die Nido-Geschwister gebildet sind, werden bei der Totenwache bis zur Schlusspointe nicht nur alte Rechnungen präsentiert, sondern Pascal und Baudelaire, Marx und Gott beschworen, was Ott selbstverständlich ebenso ironisch abfedert wie die Betrachtungen über den Kulturbetrieb. Diesem allerdings war dieses intelligente, unterhaltsame und humorvolle Buch nicht mal eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis wert. Ein Fehler. Volker Isfort

Karl-Heinz Ott stellt „Die Auferstehung“ (Hanser, 350 Seiten, 22.90 Euro) am 10. Dezember  um 20 Uhr im Literaturhaus München vor

 

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