Literatur Ein Leben mit Stalins paranoider Sekte

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Linke Weltliteratur: Victor Serges „Die große Ernüchterung. Der Fall Tulajew“

 

Das Leben des Autors ist fast so spannend wie dieser Roman. Victor Serge, ein Sohn russischer Eltern, saß in seiner belgischen Heimat wegen revolutionärer Umtriebe im Gefängnis. 1919 ging er nach Russland. Er beteiligte sich am Aufbau der Kommunistischen Internationalen und versuchte, die Revolution nach Deutschland zu tragen, baute vergeblich eine landwirtschaftliche Kommune auf und gehörte zu einer linken Minderheit, die nie vor Stalin kapitulierte.

Warum, so mag sich mancher fragen, soll man nach dem kläglichen Ableben der kommunistischen Utopie einen Roman lesen, den ein gescheiterter Berufsrevolutionär im mexikanischen Exil geschrieben hat? Weil „Die große Ernüchterung. Der Fall Tulajew“ unabhängig vom Thema ein grandios geschriebenes Buch ist. Serge beschreibt die Kommunistische Partei als paranoide Sekte, bei der ein Austritt unmöglich ist und an deren höhere Weisheit die verblendeten Mitglieder auch noch glauben, als ihnen die Hinrichtung droht.

Thema des Buchs ist die „Große Säuberung“, in der Stalin Ende der Dreißiger mit erpressten Geständnissen und inszenierten Prozessen die innerparteiliche Opposition umbrachte. Nach dem Mord an einem hohen Parteifunktionär fantasiert sich die Staatsanwaltschaft eine weit verzweigte Verschwörung zusammen, die in Wirklichkeit nicht existiert. Der Roman hat keine Hauptfigur, schneidet im ersten Teil Biografien gegeneinander, die fast wie eigene, in sich geschlossene Novellen funktionieren. Alle sind psychologisch-politisch schlüssig wie jene des Aufsteigers Makejew, der zuletzt im Bolschoi-Theater spürt, wie sich die übrigen Besucher der Regierungsloge von ihm abwenden, ehe er in der Pause verhaftet wird.

Die Unerbittlichkeit, mit der diese Geschichten erzählt wird, lässt Thriller-Spannung aufkommen. Serges Sympathie gehört den Altrevolutionären, von denen sich einer absichtlich zu Tode hungert und auf diese Weise den Prozess zum Platzen bringt. Und am Ende schafft es der Autor in all der desillusionierenden Düsternis trotzdem, noch eine Spur sozialistischen Aufbau-Optimismus zu verbreiten, ohne schal zu werden.

Serge konnte 1936 die Sowjetunion verlassen. Er enthüllte die Wahrheit über die Moskauer Prozesse zu einem Zeitpunkt, als alle Kommunisten und fast alle Sympathisanten aus falscher Solidarität noch nicht mit Stalin zu brechen wagten. Das 1948 erstmals erschienene Buch wurde schon öfter wiederentdeckt, etwa durch Susan Sontags lesenswerten Essay „Unausgelöscht. Der Fall Victor Serge“. Es ist Zeit, ihn nicht wieder zu vergessen; dieser Roman ist Weltliteratur – besser als Dostojewski.

Victor Serge: „Die große Ernüchterung. Der Fall Tulajew“ Edition Büchergilde, 510 Seiten, 19.95 Euro)

 

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