Literatur Biss in alle Ewigkeit

Das Karpaten-Schloss Bran im rumänischen Siebenbürgen wird Touristen immer wieder als Draculaschloss präsentiert, weil es stark an die Beschreibung von Draculas Burg aus Bram Stokers gleichnamigem Roman erinnert. Foto: dpa

Heute vor 100 Jahren starb Bram Stoker, der Schöpfer des Untoten „Dracula”

 

In München besteigt der britische Rechtsanwalt Jonathan Harker den Zug nach Wien und fährt weiter über Budapest nach Transsilvanien. Es wird eine Reise in das Grauen. Sein Tagebuch, erdacht vom britischen Autor Bram Stoker, bildet den Auftakt zu einem der unverwüstlichsten Romane der Weltliteratur: „Dracula”, erstmals erschienen 1897. Zum heutigen 100. Todestag Stokers erscheint Andreas Nohls packende Neuübersetzung – 560 Seiten prallste Schauergeschichte, die vor allem der „Twilight”-Generation ans bibbernde Herz gelegt werden sollte.

Stoker, der auch Geschäftsführer eines Londoner Theaters und literarischer Agent von Mark Twain für England war, arbeitete rund sechs Jahre an seinem Roman „The Undead”, dem er erst kurz vor Veröffentlichung den folgenschweren Namen „Dracula” geben sollte. Damit nahm er Bezug auf die ebenso genannte historische Figur des gefürchteten Walachen-Fürsten Vlad III., der im 15. Jahrhundert seine Feinde auf Holzpfähle spießen ließ.

Die schon in der Romantik erweckte, literarische Begeisterung für uralte Vampirmythen führte Stoker zum neuen Höhepunkt. Sein Roman kommt ganz ohne Erzähler aus und präsentiert sich als Konvolut von Tagebuchaufzeichnungen, Zeitungsartikeln, Briefen, einem Logbuch. Diese fiktive Objektivität unterstreicht den Horror der Erzählung, erklärt aber nicht allein die Faszination für den Roman.

Der Übersetzer Nohl sieht in seinem Nachwort die schier endlose Kette von Gegensatzpaaren (Gut – Böse, Wahn – geistige Gesundheit, Osten – Westen, Technik – Archaik) als einen Grund für den durchschlagenden Erfolg. Und natürlich erregte das Spiel mit der erotischen Symbolik die viktorianischen Nerven. Stoker verlegte den zuvor eher am Busen angesetzten Vampirbiss an den Hals und steigerte die Ambivalenz zwischen Kuss und Biss. So klingt es auch in Harkers Tagebuch, als der Gefangene des Grafen Dracula im Schloss die weiblichen Untoten entdeckt: „Alle drei hatten strahlend weiße Zähne, die sich wie Perlen zwischen ihren prallen rubinroten Lippen ausnahmen. Irgendetwas an ihnen erregte mein Unbehagen, es war einerseits Verlangen, andererseits Todesangst. Inbrüstig sehnte ich mich danach, sie möchten mich mit diesen roten Lippen küssen.”

Das Beunruhigungspotenzial von „Dracula” ist auch deswegen so zeitlos, weil mit allen Mitteln der Moderne dem Bösen nicht beizukommen ist. „Ach, es ist der Fehler unserer Wissenschaft, dass sie alles erklären will”, sinniert van Helsing. Der holländische Wissenschaftler verlässt sich bekanntlich lieber auf Holzpfahl, Kruzifix und Knoblauch, um Draculas Macht zu dämmen. So enthält das Buch auch einen gehörigen Dämpfer für die blind Fortschrittsgläubigen. Denn Bram Stoker, der Theatermann, wusste es genau: Die wohligen Schauer der Gruselgeschichte sind allemal unterhaltsamer als die Entzauberung der Welt durch die reine Vernunft. Das gilt auch noch heute.

Bram Stoker: „Dracula”, Neuübersetzung von Andreas Nohl (Steidl Verlag, 590 Seiten, 28 Euro). Sebastian Blomberg liest heute um 20 Uhr im Residenztheater (Bar zur schönen Aussicht) aus „Dracula”

 

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