Liedermacher Großer schwarzer Vogel

Charmanter Lachverweigerer: Der Liedermacher Ludwig Hirsch. Foto: ho

Er lernte Österreich das Grausen und konnte sanft sein wie ein picksüßer Elvis: Am Donnerstag ist der Schauspieler und Sänger Ludwig Hirsch gestorben

 

Vor eineinhalb Jahren war er in der AZ zu Besuch, stand auf der Dachterrasse, rauchte. Als der Fotograf fragte, ob er nicht für ein Foto mal lächeln könne, fragte Ludwig Hirsch mit seiner Stimme, in der die Hummeln summten, zurück: „Vielleicht kann mich wer kitzeln?” Er hat nicht gelächelt, damals. Am Donnerstag Morgen ist er mit 65 Jahren in Wien gestorben.

Ursprünglich war Hirsch Schauspieler, wurde nach einer Zeit in Regensburg 1975 Ensemblemitglied des Theaters in der Josefstadt. Glücklich war er nicht – abgeschoben in fade Rollen. Im Endzwanziger wuchs ein unbewusstes Gefühl: „Ich wollte Watschn geben, weil man mir Watschn gab.” In seiner Kunsthochschulzeit hatte er schon Musik gemacht. The Clan – eine Coverband mit einem Programm Richtung Stones.

Jetzt war Robert Opratko sein Produzent und brachte Hirsch ein Orchester ins Studio. Ein Aufwand, den heute keiner mehr für ein Debüt zahlen würde. So entstand „Dunkelgraue Lieder”. Watschen? Ach was! Gleich der erste Song, „Die Omama”, war ein zentrierter Schwinger. Auf dem Stammersdorfer Friedhof wird sie eingegraben, die Omama, die alte Hexe, der der Adolf noch das Mutterkreuz verliehen hat. Erstickt an ihren falschen Zähn’, beim Sturmbootfahren im Prater.

Das ist Österreich. Es zwingt den Künstler, einen großen Haufen zu hinterlassen, in diesem nationalen Beisl, wo man nach dem Krieg nahtlos dazu übergegangen ist, die eigene Harmlosigkeit zu begießen.

Nein, Hirsch lag nicht immer am Rücken und ließ die Würmer an seinen Zehen nagen. „Gel’ du magst mi” ist die vielleicht überzeugendste Zusammenkunft von Rock’n’Roll und Österreich. In Hirschs Haus stand eine Jukebox. Da war er drin, der picksüße Elvis. Erlösung von einem Land, das die Berge erdrücken.

Seit einer Woche war Hirsch, der Lungenkrebs gehabt haben soll, im Wilhelminenspital in Wien zur Untersuchung. Man hat ihn unter dem Fenster seines Zimmers gefunden. Selbstmord, nimmt die Polizei an. Die Kunst des Grausens hat immer auch etwas mit dem Kampf gegen die eigenen Angstgespenster zu tun. An diesem Novembermorgen in Wien haben sie ihn mitgenommen.

 

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