Liebeserklärung an England Nele Pollatschek über ihr Brexit-Buch "Dear Oxbridge"

Die 31-jährige Berlinerin Nele Pollatschek debütierte 2016 mit ihrem Buch "Das Unglück anderer Leute". Foto: Pollatschek

Nele Pollatschek hat in Cambridge und Oxford studiert und zum Brexit mit "Dear Oxbridge" einen Liebesbrief an England geschrieben.

 

Viele Menschen haben ein Lieblingsland neben der eigenen Heimat, aber wenige entwickeln dafür eine solche Obsession wie Nele Pollatschek. Für die Berlinerin war seit der Jugend klar, dass sie in England studieren würde und dafür die Eliteuniversitäten Oxford oder Cambridge besuchen werde. Was sie alles auf sich nahm, um an ihr Ziel zu gelangen, und was sie in Oxbridge über die englische Gesellschaft lernte, schildert sie in ihrem sehr unterhaltsamen Erfahrungsbericht "Dear Oxbridge", der nun pünktlich zum Brexit erschienen ist.

AZ: Frau Pollatschek, heute sagt Großbritannien Europa goodbye. Nehmen Sie darauf einen letzten Gin Tonic?
NELE POLLATSCHEK: Trotz meiner Liebe zu England vertrage ich keinen Gin Tonic, es bleibt wohl beim Tee.

Es gibt ja auch nichts zu feiern, wie ist Ihre Grundstimmung?
Sehr bedrückt, sehr traurig, weil ich mich mit meinen britischen Freunden unterhalte und weiß, wie es denen geht. Es gab ja lange einen Widerstand, viele Großdemonstrationen und sie hatten auch manchmal das Gefühl, den Brexit noch aufhalten zu können. Aber das ist alles nach der letzten Wahl und dem Erdrutschsieg für Boris Johnson kollabiert. Meine Freunde sagen aber auch, wir hoffen, der Widerstand macht nur ein Nickerchen und ist nicht für immer eingeschlafen.

Die Debatte über den Brexit hat viele Briten Freundschaften gekostet, weil die Fronten so verhärtet waren. Manche haben schon vor Jahren aufgehört, darüber überhaupt noch zu reden.
Ich weiß, dass es diese Haltung gibt, aber ich halte sie für falsch und gefährlich. Man muss immer miteinander reden. Ich habe ja auch in meinem Buch versucht, die Perspektive der anderen zu verstehen.

Im Brexit-Roman "Middle England" von Jonathan Coe haben alle Protagonisten bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London 2012 einen Augenblick des Wir-Gefühls und Nationalstolzes. Wie war das bei Ihnen?
Der Moment, dass ich dachte, was für ein großartiges Land England ist, lag da schon hinter mir. Ich war nämlich schon ein Jahr in Cambridge und wusste, dass die Briten einerseits großartig darin sind, eine Party zu veranstalten. Ich hatte aber auch schon die gewaltigen Unterschiede zwischen arm und reich und die sozialen Unruhen mitbekommen und wusste, dass die Olympischen Spiele den Armen überhaupt nicht helfen.

Was bekommt man denn vom realen Leben in Cambridge oder Oxford überhaupt mit?
Das Irre ist erst einmal, wie links diese Städte sind. In beiden haben 70 Prozent der Menschen gegen den Brexit gestimmt. Auch auf dem Campus sind die meisten wahnsinnig links, was umso faszinierender ist, weil hier ja die ganze konservative Elite des Landes ausgebildet wird. Die wirklichen Probleme des Landes bekommt man in Oxbridge in den Diskussionen mit, nicht unbedingt im Alltag.

Sie schreiben, dass die Akademiker in Oxbridge schon deswegen links sind, weil diese Posten für reiche Konservative zu unattraktiv sind.
Ein reicher Cambrigde- oder Oxford-Absolvent wird Politiker, Schriftsteller oder Bankenvorstand, aber kein Akademiker. Das ist nichts für die Kinder der Elite oder des Adels, dafür verdient man dort zu wenig. Ich habe Freunde, die eine Juniorprofessur angenommen haben, die verdienen 5000 Pfund, aber nicht monatlich, sondern im Jahr! Die haben natürlich Kost und Logis umsonst, aber dennoch ist das ein Leben wie im 19. Jahrhundert. Oxford und Cambridge können es sich leisten, so miserabel zu bezahlen, weil sie so ein Prestige haben.

Die Churchill-Biografie von Oxford-Absolvent Boris Johnson war natürlich sein Bewerbungsschreiben für das Amt des Premierministers. Wann haben Sie geahnt, dass er es auch wird?
Eigentlich schon nach dem Brexit-Referendum, weil Nigel Farage damals ein Machtvakuum erzeugt hat. Er gehört nicht zur Oxbridge-Elite. Das heißt, er kann zwar einen Premierminister stürzen, aber nicht dessen Position einnehmen. Denn das kann ein Proletarier wie er nicht.

Wieso lassen die Briten es zu, dass ihre politischen Führungskräfte aus einem geschlossenen Zirkel stammen?
Es gibt ja Ausnahmen, immerhin drei Premierminister aus der Arbeiterklasse von insgesamt 55 seit Robert Walpole 1721 das Amt begründete. Ich denke, es ist halt sehr schwer, einen Status Quo zu hinterfragen. Wenn man immer daran gewöhnt ist, dass Führungspositionen von Menschen aus zwei Unis und acht Schulen ausgefüllt werden, dann nimmt man das wohl als gegeben hin. Von 55 Premierministern war die Hälfte in Oxford und ein Viertel in Cambridge, 20 von ihnen haben in Eton die Schule besucht. Und eines darf man nicht vergessen: Die Absolventen sind ja wahnsinnig gut qualifiziert, man lernt ja wirklich viele Dinge in Oxbridge.

Aber offensichtlich nicht unbedingt Manieren. Boris Johnson gilt vielen Briten als rücksichtsloser Rüpel.
Man darf eines nicht unterschätzen: Boris Johnson ist amüsant, er kann gut reden. Die Briten nehmen ihn nicht ganz ernst und verzeihen ihm sogar seine ganzen Lügen. Er inszeniert sich nicht nur als Churchill, sondern auch als Thatcher, als jemand, der für eine Leistungsgesellschaft steht. Er propagiert, dass der Sozialstaat Schwächeren Vorteile einräumt, die diese gar nicht verdient hätten und allein hartes Arbeiten zu einem guten Leben führt.

Warum sollte ihm das die Arbeiterklasse glauben?
Er gibt ihnen das Gefühl, dass sie nur deswegen nicht erfolgreich sind, weil ihnen Migranten und EU-Bürger den Arbeitsplatz wegnehmen. Und wenn man die loswürde, lösten sich die Probleme von alleine. Das ist der Churchill in ihm, er appelliert an etwas zutiefst Britisches, nämlich an den Gedanken des Widerstandes, des "stiff upper lip" und des Zusammenhalts.

Wenn man in London einen Handwerker benötigt, muss man Monate lang warten und dann kommt auch kein Brite, sondern ein Pole oder Rumäne.
Genau. Ich bin auch in meiner ganzen Zeit in England nie von einem englischen Arzt behandelt worden oder habe eine britische Krankenschwester gesehen. Die gibt es kaum, und das ist ein Riesenproblem. Die ganze Brexit-Kampagne war eine Lügenkampagne, aber die Leute glaubten sie trotzdem. An den Wahlkampfslogan, dass 350 Millionen Pfund nach dem Brexit wöchentlich an den NHS, den Nationalen Gesundheitsdienst, überwiesen werden, will sich jetzt natürlich niemand mehr erinnern. Menschen haben für den Brexit gestimmt, weil sie dachten, das Gesundheitssystem würde besser werden. Das Gegenteil ist der Fall. Jetzt fehlen noch mehr Arbeitskräfte.

Niemand weiß genau, wie sich England nach dem Brexit entwickeln wird. Vielleicht gibt es ja gar keine dramatischen Veränderungen.
Sicherlich nicht über Nacht, aber längerfristig wird etwas Entscheidendes passieren. Die letzte Kontrolle, die von der EU auf die englische Elite ausgeübt wurde, einfach durch gemeinsame Gesetze oder Regelungen für den Arbeitsmarkt, fällt nun weg. Die schreckliche neoliberale Politik von Margaret Thatcher wird nun von Boris Johnson völlig ungebremst durchgesetzt werden – mit fatalen Folgen für die Bürger. Es kann sich jetzt schon kein normaler Mensch mehr leisten, in London, in Dublin oder in Oxford zu leben. Ich habe Zimmerangebote bekommen für wenige Quadratmeter ohne Tür im Treppenhaus: 550 Pfund! Der Lebensstandard für viele Menschen ist jetzt schon sehr gering, die Lebensverhältnisse werden geradezu viktorianisch, wie im Roman des 19. Jahrhunderts.

Sind Ihre Oxbridge-Freunde nach dem Studium alle adäquat beruflich untergekommen?
Manche, die mit mir einen Master in englischer Literatur gemacht haben, sitzen jetzt bei einer großen Bank oder einem Medienunternehmen. Aber es gibt auch die andere Seite: Freunde, denen es nicht so gut geht, die der jahrelange Druck, auch der Schuldendruck durch die Studiengebühren, fertig gemacht hat. Oxbridge ist ein psychisch belastender Ort, wenn man nicht aus der Oberklasse kommt und sich hochkämpfen will.


Nele Pollatschek stellt "Dear Oxbridge" (Galiani, 240 Seiten, 16 Euro) am 24. April im Literaturhaus in der Reihe Mix vor.


 
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