Leute Alles wird schlecht

Margot Käßmann im Lauf-Shirt Foto: dpa

BERLIN - Margot Käßmann zieht die Konsequenzen aus ihrer Trunkenheitsfahrt. Der Rücktritt als evangelische Kirchen-Chefin beendet die Bilderbuch-Laufbahn einer ehrgeizigen und umstrittenen Theologin.

 

In ihrer letzten Weihnachtspredigt im Dezember 2009 hatte sich Margot Käßmann in der Marktkirche von Hannover das Postkartenmotiv „Alles wird gut“ zum Thema gewählt. Dieser Vorsatz hielt gerade mal zwei Monate. Denn seit der Trunkenheitsfahrt der Bischöfin am vergangenen Samstag war „alles schlecht“ – und endete mit ihrem Rücktritt. Es ist nicht die erste Schlagzeile, mit der die 51-jährige Theologin mit den kurzen Haaren und den großen Augen für Furore sorgte.

Margot Käßmann ist die jüngste von drei Töchtern einer Krankenschwester und eines Kraftfahrzeugsschlossers. Schon früh steht für sie fest, dass sie Theologie studieren möchte – und sie geht ihren Weg konsequent, damals wie heute. 1985 zur Pfarrerin ordiniert, wird sie nur 14 Jahre später zur Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover gewählt, als erst zweite Bischöfin der EKD – nach der Hamburgerin Maria Jepsen.

Die sportliche Frau – sie joggt gerne und nimmt an Marathonläufen teil – macht ihren Mund auf, klagt darüber, dass im Konfirmandenunterricht zu viel über Sekten und Drogen gesprochen wird und zu wenig über die Bibel. Sie ist eine moderne Frau – aber mit missionarischem Eifer.

Den ersten Knacks in ihrer Bilderbuchkarriere gibt es, als sie 2006 an Brustkrebs erkrankt. Sie geht damit an die Öffentlichkeit, bittet aber um Verständnis dafür, Privates auch privat zu lassen. Zwei Monate später nimmt sie ihren Dienst wieder auf und sagte der Landessynode: „Es war für mich auch eine geschenkte Zeit.“ Sie habe über manches intensiver nachgedacht, was sonst im Alltag zurückgetreten sei.

Zum Beispiel auch ihre Ehe. Denn 2007 lässt sie sich von ihrem Mann Eckart (ebenfalls Pfarrer), mit dem sie vier erwachsene Töchter hat, scheiden. Auch in der toleranten evangelischen Kirche wird darüber die Nase gerümpft.

Doch trotzdem feiert sie Ende 2009 ihren größten Karriere-Triumph: Mit 132 von 142 Stimmen wird sie am 28. Oktober zur EKD-Ratsvorsitzenden für sechs Jahre gewählt und vertritt damit als erste Frau die Interessen von 25 Millionen deutschen Protestanten. Auch wenn das Stimmergebnis überraschend eindeutig war – aus den konservativen evangelischen Kreisen gab es kritische Stimmen, die lieber einen Mann an der Spitze gesehen hätten.

Die gebürtige Hessin kündigt an, den Reformprozess der evangelischen Kirche voranzutreiben. Ein bis weit in die Politik hinein wirkenden pastoralen Paukenschlag gibt’s zu Weihnachten 2010: Da setzt sie sich kritisch mit dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr auseinander – und erntet massive Kritik.

mh

 

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