Lesung im Literaturhaus Matthias Politycki schreibt über Marathon und läuft selber

Der Schriftsteller Matthias Politycki Foto: dpa

Seit über 40 Jahren gehört das Laufen für den Schriftsteller Matthias Politycki zum Alltag, mit zunehmenden Alter hat er sich dann dem Marathon verschrieben. Im wahrsten Sinne.

 

Am 21. Juli  präsentiert er im Literaturhaus sein neues Buch „42,195. Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken“ (Hoffmann und Campe). In persönlichen Anekdoten schreibt der Autor über Glücksgefühle und Niederlagen, Sport und Wahn.

AZ: Herr Politycki, wie kann man sich als Individualist solch einem Irrsinn wie etwa dem New York Marathon unterwerfen?

MATTHIAS POLITYCKI: Gerade was die Kommerzialisierung des Marathons in New York betrifft, habe ich in meinem Buch ja deutliche Worte gefunden. Und andererseits einen solch kleinen Lauf wie in Himmelpforten, einem Kaff zwischen Hamburg und Cuxhaven, übern grünen Klee gelobt. Diese kleinen, dörflichen Rennen, die sind schon knuffig.

Ist Laufen nicht grundsätzlich etwas, das man mit sich selber ausmacht?

Schreiben ist über weite Strecken ein einsames Geschäft. Da genieße ich es, insbesondere die langen Wochenendläufe mit meinen Laufkumpeln zurückzulegen. Die Gespräche dabei sind ebenso intensiv wie im Biergarten, vielleicht sogar direkter, unverblümter, ehrlicher.

Sie unterscheiden stark zwischen Joggern und Läufern?

Ich möchte die beiden Welten nicht gegeneinander ausspielen, aber diese Unterscheidung gibt es, sowohl in den Sachbüchern wie in der Szene selbst. Über weite Strecken meines Lebens war ich Jogger und habe nichts vermisst. Als Läufer lebe ich – zumindest in der Trainingsphase – sehr viel strenger auf ein Ziel hin ausgerichtet. Die vorübergehende Reduktion empfinde ich nicht als Einschränkung, sondern als Bereicherung, eben als eine weitere Art zu leben. Man merkt dabei, was man alles für ein paar Monate gar nicht braucht.

Wenn man sich als freier Autor einem strikten Trainingsplan unterwirft, dann gibt das der Woche ja auch eine Struktur. Viele Marathonis aber haben einen strikten Zehn-Stunden-Arbeitstag und dann noch einen strikten Trainingsplan. Wo bleibt denn da die Freiheit?

Die Freiheit liegt auf der Strecke selbst. In meinem Buch habe ich versucht, den Blick nicht nur auf die Läufer, sondern immer auch auf die Gesellschaft zu richten, die diese ganze Laufbewegung hervorgebracht hat. Ich glaube, unsere Gesellschaft hat bereits viele Strukturen und Selbstverständlichkeiten verloren, die früher das soziale Miteinander geprägt haben. Das beginnt mit Rücksichtnahme im öffentlichen Raum und endet mit der gemeinsamen Utopie. Ein Trainingsplan kann – zumindest bis zu einem gewissen Punkt – die menschliche Sehnsucht nach verlässlichen Strukturen bedienen.

Glücksgefühle und Zufriedenheit sind ein wichtiges Thema des Buches. Andererseits beschreiben Sie den Kampf gegen die Uhr, gegen die eigene persönliche Bestzeit.

Ich selbst bin nur durch einen Nachbarn und sehr spät zum Straßenrennen gekommen. Viel lieber, und das seit Jahrzehnten, laufe ich lange im Gelände oder fahre mit der S-Bahn raus und laufe von dort nach Hause. So habe ich mir ganze Städte erlaufen. Glücksgefühle habe ich dabei viel häufiger als beim Straßenrennen. Allerdings ist der Renntermin für mich der Motivator, um all jene Geländeläufe überhaupt zu machen. Ein bisschen Selbstdruck muss sein.

In der Geschichte des Marathons ist der Bote nicht der fitteste Mensch im Staat, sondern nach der Distanz tot.

Das ist doch nur eine Legende, die mit Sicherheit nicht stimmt. Botenläufer sind in der Antike und durchs ganze Mittelalter hindurch viel längere Strecken gelaufen. 40 Kilometer waren für sie gar kein Problem.

Trotzdem würde Ihnen doch kein Arzt sagen, dass es gesünder wäre, 42,195 Kilometer zu laufen als etwa 20 Kilometer?

Er würde sagen, das Training sei sehr gesund, der Marathon selber nicht. Aber meine Sportverletzungen, unter anderem sind mir beide Achillessehnen gerissen, habe ich mir beim Squash zugezogen, nicht beim Laufen. Und außerdem: Ist es vielleicht ungesund, durch den Marathon ein glücklicherer Mensch zu werden?

Was fasziniert Sie am Marathon?

Er ist nicht nur eine physische Herausforderung, sondern vor allem eine mentale. Und durch die Niederlagen und Grenzerfahrungen, die man zwangsläufig macht, auch immer mal wieder eine Lehre in Demut.

Sie sind tief in die Szene eingetaucht, beschreiben den Ernährungs- und Ausrüstungswahn.

Das hat ja auch einen gewissen Sog: Bereits die Werbung für ganz normale Laufschuhe suggeriert eine Welt des Profisports, an deren Aura jeder aufgrund seiner Ausrüstung Anteil haben kann. Schon beim bloßen Kauf darf man sich als Spitzensportler fühlen.

Wie ist die Resonanz aus der Laufszene auf Ihr Buch?

Während des Hamburg-Marathons haben mir tatsächlich immer wieder Läufer erzählt, dass sie gerade mein Buch lesen. Der Ritterschlag in dieser Hinsicht kam aber bereits durch Martin Grüning, ehemaliger Weltklasseläufer und Chefredakteur von „Runner’s World“. Der hatte sich als erster für das Buch begeistert, da gab es davon gerade mal die Fahnen. Und ich dachte immer: Der lebt doch in einer ganz anderen Welt.

Sie meinen mit einer Bestzeit von 2 Stunden, 13 Minuten und 30 Sekunden?

Genau. Er sagte mir jedoch: Natürlich laufen wir andere Zeiten! Aber die Erfahrungen sind die gleichen, wie im Buch geschildert.

Was ist Ihr nächstes sportliches Ziel?

Hamburg und Osaka sind Partnerstädte: Im April diesen Jahres bin ich mit einem Läufer aus Osaka den Hamburg-Marathon gelaufen, im Oktober werde ich mit ihm in Osaka antreten. Da peile ich eine neue Bestzeit von 3 Stunden 49 Minuten an.

Matthias Politycki stellt sein Buch gemeinsam mit Martin Grüning am 21. Juli  um 20 Uhr im Literaturhaus vor (Foyer, Eintritt 9 Euro)

 

0 Kommentare