Lenbachhaus Vom Suchen und Finden der Bilder

Lenbachhaus–Chef Helmut Friedel (re.) widmet Gerhard Richter seine letzte Ausstellung. Foto: Lenbachhaus

Sein „Atlas“ ist für Gerhard Richter Quelle der Inspiration und Materialsammlung – im Kunstbau des Lenbachhauses gewährt damit einer der gefragtesten Künstler tiefe Einblicke in sein Œuvre

 

Der Blick hinter der gerundeten Hornbrille wirkt schüchtern und immer auch ein bisschen skeptisch. Gerhard Richter behagt es nicht, auf dem Präsentierteller zu sitzen, das kann er bei aller stillen Höflichkeit gar nicht verbergen. Ein Wunder, dass der 81-jährige Künstler, der so gut wie keine Interviews gibt, überhaupt nach München gekommen ist.

Und jetzt soll er auch noch reden, eigentümliche Fragen zum Ende seiner Karriere beantworten – natürlich macht er weiter, warum denn nicht? Und was zu sagen ist, sieht man doch: Sein Leben und Wirken ist hier im Kunstbau ausgebreitet unter dem Titel „Atlas – Mikromega“.

In Skizzen, Fotografien, Zeitungsausschnitten, Planzeichnungen und Collagen spulen sich ganze Werkprozesse ab. Inhaltlich aufeinander abgestimmt und mit großer Sorgfalt auf Tafeln zusammengefasst präsentiert sich Richters Material seit Anfang der 1960er Jahre. Beginnend mit klassischen Fotos aus dem Familienalbum bis hin zu den vorerst letzten „Atlas“-Einträgen von 2013: Landschaftsaufnahmen von der Insel Juist.

Mit frappierender Offenheit gewährt Richter Einblicke in sein Ideenlager

Ein sagenhafter Fundus, und tatsächlich kann man hier unten von Tafel zu Tafel gehen, so wie man sich sonst von Karte zu Karte durch einen Atlas blättert, um Positionen, Zusammenhänge, Entfernungen, Profile, Querschnitte oder Beschaffenheiten zu studieren.

Mit frappierender Offenheit gewährt Gerhard Richter, dessen Werke für Auktionsrekorde sorgen, Einblicke in sein endloses Inspirationslager, das Entwickeln von Ideen, die Umsetzung auf Block und Leinwand. Oder das Entwerfen von Großprojekten wie die Megaflagge „Schwarz-Rot-Gold“ für den Reichstag (1998), das Fenster im Kölner Dom (2006) und die Raumvision einer Olympiaschwimmhalle für München (1972), die so nie realisiert wurde.

Überhaupt das Scheitern. Objekte, Themen, Bilder die einfach nicht zu bewältigen waren, nehmen erstaunlichen Raum ein. Hitler zu malen, ging einfach nicht. Erst recht nicht der Holocaust, den Richter Ende der 1990er Jahre für den Reichstag verarbeiten will. Die Leichenhaufen und die ausgemergelte Leiber der befreiten Opfer mit den weit aufgerissenen Augen hat er aus Büchern abfotografiert, oft verschwommen, dass sie wie ein verdunstender Albtraum anmuten. Wenige dieser Bilder sind sachte koloriert, mehr war nicht möglich. Aber sie bleiben haften wie kaum ein anderer Bereich dieses tiefschürfenden „Atlas’“.

Helmut Friedel präsentiert zum Abschied nochmal einen echten Schatz

Und Privates wird nicht ausgespart. Von den gegenseitigen Aufnahmen Richters und seines Künstlerfreunds Blinky Palermo, die jede Verbrecherkartei zieren dürften und herrliche Vorstudien zu den beiden grau bemalten Bronzeköpfen im Haupthaus bilden, bis zur nackten, hochschwangeren dritten Ehefrau Sabine, die wenige Meter weiter Baby Moritz ausgiebig stillen darf.

Richter wird nicht müde zu betonen, dass das alles doch keine Kunst sei. Sicher. Aber dieses geradezu überbordende Konglomerat an Haupt- und Nebensächlichkeiten, Banalitäten, Berührendem, Intimem, Zielführendem und erfolglosen Versuchen ist oft spannender als die große Kunstschau. Vor allem für die Kenner von Richters Œuvre.

Insofern hat Direktor Helmut Friedel, der sich mit dieser Ausstellung nach 37 Jahren Lenbachhaus Ende Dezember in den Ruhestand verabschiedet, 1996 einen echten Schatz an Land gezogen. Als er den „Atlas“ fürs Museum erwarb, umfasste der 583 Tafeln. Mittlerweile sind sie auf 783 angewachsen, Richter hat sogar 16 neue mitgebracht – und noch „ein paar in der Schublade“, wie er trocken einfließen lässt. Ein Karriereende ist also nicht in Sicht. Und vielleicht kommt nach den Streifenbildern aus dem Megadrucker, deren Konzeption hier genau nachzuvollziehen ist, ja wieder die eigentliche Malerei. „Das wäre schön“, sagt Gerhard Richter leise, und man meint daraus eine tiefe Sehnsucht zu hören.

Kunstbau des Lenbachhauses, bis 9. Februar 2014; der „Altlas“ in Buchform (Verlag Walther König) kostet 49,90 Euro

 

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