Legendäre Wutrede Markus Hörwick: "Trap war nicht zu stoppen"

Der Trainer wütet, der Medienchef sieht hilflos zu: Giovanni Trapattoni und Markus Hörwick (l.) am 10. März 1998. Foto: imago/Fred Joch

Vor 20 Jahren hielt Bayern-Trainer Trapattoni seine legendäre Wutrede. Der damalige Mediendirektor Markus Hörwick erinnert sich an den Auftritt – und verrät, wie er den Italiener aufhalten wollte.

 

München - Die AZ hat mit Markus Hörwick gesprochen. Der 61-Jährige war von 1983 an beim FC Bayern tätig und bis 2016 Mediendirektor des Vereins. Jetzt arbeitet er als Medienberater.

AZ: Herr Hörwick, 20 Jahre ist die Wutrede von Giovanni Trapattoni inzwischen schon her. War Ihnen an jenem 10. März 1998 sofort klar, dass "Ich habe fertig!" Bundesliga-Geschichte schreiben würde?
MARKUS HÖRWICK: Nein, das sicher nicht. Aber als die Rede losging, wusste ich schnell, dass Außergewöhnliches passiert. Heute bin ich schon froh, dass ich dabei gewesen bin. Diese 3:30 Minuten leben weiter. Ich weiß allerdings auch noch genau, was ich damals für Bauchschmerzen hatte.

Wann wussten Sie, dass Trapattoni explodieren würde?
Gemerkt habe ich es so drei, vier Minuten, bevor die Pressekonferenz begann. Aber es gab schon lange vorher ein Bauchgefühl. Wir hatten ja am Freitagabend 0:1 auf Schalke verloren. Mehmet Scholl und Mario Basler hatten sich ziemlich aufgeregt, dass sie auf der Bank saßen, Thomas Strunz war auch unzufrieden. Nach dem Spiel fuhren wir zurück ins Mannschaftshotel nach Essen, wo wir noch ein gemeinsames Abendessen mit dem Team hatten. Da ist Trapattoni schon das erste Mal ausgeflippt – mit ähnlichen Worten, mit ähnlichen Gesten, mit derselben Leidenschaft wie vier Tage später.

Eine Rotweinflasche soll bei dem Essen umgekippt sein.
Das ist richtig. Und diese Rotweinflasche war nicht leer wie die Leistung einiger unserer Spieler laut Trap, sondern voll. Als Trap mit den Händen herumfuchtelte, traf er diese Flasche. Sie kippte Uli Hoeneß über Hemd und Hose. Traps Verärgerung war auch am nächsten Tag noch so groß, dass er der Mannschaft bis Dienstag frei gab. Er ist dann in den nächsten Flieger nach Mailand gestiegen, um seine Frau zu sehen. Mir warf er aber noch einen Satz zu: "Markus, Dienstag machen wir Pressekonferenz!"

Und dann kam der Dienstag.
Ich habe am Vormittag versucht, Trap schon mal vorsorglich anzurufen, um die Stimmung auszuloten. Er ist mit dem Auto zurückgefahren nach München, schien sehr aufgeräumt. Doch mein seltsames Bauchgefühl ging nicht weg. Trap hat immer wieder gefragt, ob die Pressekonferenz auch sicher stattfindet.

Was passierte dann an der Säbener Straße?
Er erkundigte sich sofort, ob alle Journalisten da sind. Dann hat er sich umgezogen. So weit, so gut. Doch anschließend griff Trap in seine Tasche und zog einige Zettel heraus. Man muss wissen: Er hatte sich vor jeder Pressekonferenz zwei, drei Kernsätze von einem Dolmetscher auf Deutsch übersetzen lassen und auf einen kleinen Zettel geschrieben. Die las er dann ab. An diesem Dienstag war es anders: Er holte sieben, acht Zettel aus seiner Tasche raus. In dem Moment wusste ich, dass etwas Spezielles passieren wird.

Haben Sie noch versucht, Trapattoni aufzuhalten?
Es ging nicht. Ich habe überlegt, einen Ausweg zu finden. Ich war schon so weit, dass ich die Trainerkabine abschließen und den Schlüssel zum Fenster heraus werfen wollte. Aber es steckte kein Schlüssel in der Tür.

Sie standen dann während der Rede hinter Trap. Was ging Ihnen durch den Kopf?
Es war nach 30 Sekunden klar, dass da einer austickt. Ich war vielleicht einen Meter Luftlinie von Trap entfernt. Ich habe zweimal überlegt, einzugreifen, ihn wegzuziehen. Aber ich habe es dann sein lassen. Ich hätte unseren eigenen Trainer demontiert. Das wäre für keinen gut gewesen. Und so musste ich zusehen. Innerlich ging’s bei mir drunter und drüber.

Wie haben Sie Trapattoni nach der Pressekonferenz erlebt?
Er kam ja dann noch mal zurück in den Presseraum und sagte zu den Journalisten: "Ich kann Worte wiederholen." Als wir draußen waren, drehte er sich plötzlich zu mir um und sagte: "Markus, habe ich etwas vergessen! Ich muss sofort zurück!" Ich habe ihn mit beiden Händen an der Schulter gepackt und in die Trainerkabine geschoben. Er war kaum zu beruhigen. Ich bin dann noch mal zurück in den Presseraum, alle Journalisten waren noch da. Es herrschte ein Chaos, wie ich es in 30 Jahren Bayern nicht gesehen habe. Die Journalisten haben in ihre Handys reingebrüllt, um die Redaktionen zu informieren. Als ich das gesehen habe, bin ich raus und habe die Tür abgesperrt. Trap durfte da auf keinen Fall wieder rein. Ich habe ihm gesagt, dass alle Reporter schon weg sind.

Trapattoni galt eigentlich als recht gelassener Trainer. Wie überraschend kam der Wutausbruch für Sie?
Trapattoni war ein Gentleman-Trainer, ich hatte damit nicht gerechnet. Er hat seine Spieler geliebt, das Team war ein Heiligtum für ihn. Öffentliche Kritik an einzelnen Spielern gab es nie – bis zu diesem Tag. Trap war in den Wochen zuvor einfach aufgefallen, dass die Spieler den Respekt und Einstellung hatten vermissen lassen.

Welche Auswirkungen hatte die Rede auf Trapattonis Verhältnis zur Mannschaft?
Stinksauer war vor allem Thomas Strunz. Er hat gesagt: Ich bin der Depp, ich kann am allerwenigsten dafür. In keiner Comedy-Sendung wurde Traps Rede ausgelassen. Später hat Strunz eingesehen, dass es ihm vielleicht sogar mehr genutzt als geschadet hat. Es gab schon eine Eiszeit zwischen Mannschaft und Trainer, aber die hat nicht lang angedauert.

Werden wir eine ähnliche Rede noch mal erleben?
Ich habe in 30 Jahren bei Bayern viele besondere Momente erlebt, dieser gehörte dazu. Trap fragte mich übrigens vier, fünf Tage danach: "Markus, warum hast du mich nicht gestoppt?" Aber er wusste selbst, dass ihn in diesem Moment niemand hätte stoppen können. Nein, ich denke, so etwas wird nie wieder passieren.

Die besten Sprüche der Wutrede – "Was erlauben Strunz?"

  • "Ein Trainer ist nicht ein Idiot! Ein Trainer sehen was passieren in Platz. In diese Spiel, wie zwei oder drei oder vier Spieler waren schwach wie eine Flasche leer!"
  • "Wissen Sie, warum die Italia-Mannschaft kaufen nicht diese Spieler? Weil wir haben gesehen viele Male dumme Spiel. Haben gesagt, sind nicht Spieler für die italienische, eh, Meisters."
  • "Strunz! Strunz ist zwei Jahre hier, hat gespielt zehn Spiel, ist immer verletzt. Was erlauben Strunz? Ist immer verletzt! Hat gespiele 25 Spiele in diese Mannschaft, diese Verein! Musse respektiere die andere Kollega!"
  • "Mussen zeigen jetzt, ich will, Samstag, diese Spieler mussen zeigen mich, eh, zeigen de Fans, mussen alleine die Spiel gewinnen. Mussen alleine die Spiel gewinnen!"
  • "Ich habe fertig!"
 

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