Lebensgefährliche Flucht Illegale Passagiere auf Güterzügen nach Deutschland

Endstation Rangierbahnhof: Seit Kurzem greift die Polizei vermehrt Flüchtlinge auf, die illegal per Güterzug eingereist sind. (Archivbild) Foto: Gerd Lutz

Seit gut zwei Wochen registriert die Polizei vermehrt Flüchtlinge, die per Güterzug von Italien nach München kommen. Die Reise ist nicht nur illegal, sondern lebensgefährlich.

 

München - Sie klammern sich zwischen Ladefläche und Rädern fest, kauern in Hohlräumen von Kesselwagen oder liegen ungeschützt auf dem Boden eines Rungewagens: Bereits 47 Flüchtlinge hat die Polizei im Oktober im Bereich und in der Nähe des Rangierbahnhofs München-Ost aufgegriffen. Sie alle waren per Güterzug eingereist, darunter eine Frau mit Kleinkind und fünf unbegleitete Minderjährige. Das teilte ein Sprecher der Bundespolizei mit.

Während des Einsatzes musste die Bahnstrecke gesperrt werden

Elf weitere Männer und vier Frauen kamen in der Nacht vor Allerheiligen mit dem Güterzug in München an. Gegen 3.30 Uhr hatte die Deutsche Bahn gemeldet, dass sich Personen im Gleis am Rangierbahnhof befinden. Streifen der Bundespolizei nahmen daraufhin zwei Eritreer dort fest sowie acht weitere am angrenzenden S-Bahnhof Berg am Laim und drei am Leuchtenbergring.

Während des Einsatzes waren der Rangierbahnhof und die nahe gelegene Bahnstrecke teils gesperrt. Gestern gegen 14 Uhr entdeckten DB-Mitarbeiter dann noch zwei weitere Menschen aus Eritrea auf einem Güterzug. Schon am 28. Oktober mussten wegen eines Einsatzes die Gleise am Bahnhof Berg am Laim gesperrt werden.

Werben Schleuser für die Reise per Güterzug?

Ganz neu sei das Phänomen nicht, sagte ein Polizeisprecher der AZ auf Anfrage. Es gebe einen ständigen Strategiewechsel - mal reisen Flüchtlinge verstärkt per LKW oder über die Autobahn ein. Seit rund zwei Wochen sind offenbar die Güterzüge das Mittel der Wahl.

Möglicherweise werden die Reisemöglichkeiten auch von Schleusern beworben. "Die Flüchtlinge müssen auf jeden Fall irgendwie gebrieft sein", so der Polizeisprecher. "Sie sind untereinander gut vernetzt." Noch sei aber unklar, ob Flüchtlinge Schleuser für eine solche Auskunft bezahlen.

Die Reise per Güterzug ist für die Flüchtenden extrem gefährlich. Die derzeit kühleren Temperaturen in Verbindung mit dem Fahrtwind können zu gravierenden Unterkühlungen führen. Die Verstecke sind meist nicht windgeschützt, und die Züge fahren laut Polizei teils auch die Nächte durch. Ein unbegleiteter Flüchtling musste wegen Unterkühlung behandelt werden. Weitere Verletzte gab es in München bislang nicht.

Allerdings könnten die Menschen auf ihrer gefährlichen Reise auch durch die hohe Geschwindigkeit der Güterzüge von den Waggons gerissen werden. In Deutschland fahren die Züge zwischen 90 und 120 Kilometer pro Stunde. Ob es in dem Zusammenhang bereits Verletzte oder gar Tote auf der offenen Strecke von Verona nach München gab, ist nicht bekannt. Innerhalb Deutschlands seien bislang keine Vorfälle registriert, so die Polizei. Dass es eine Dunkelziffer gibt, sei jedoch möglich.