Lebensabenteuer Kindheit vor ernstem Hintergrund Kinokritik zu "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"

Mit Schweizer Kinderfreunden im Exil: Anna (vorne, Riva Krymalowski) mit ihrer Mutter (Carla Juri, li.) und dem Vater (Oliver Masucci, re.). Hinten: Bruder Max (Marinus Hohmann). Foto: Warner

Die Münchner Filmemacherin Caroline Link hat den Kinderbuchklassiker "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" fürs Kino verfilmt – als Familien- und Fluchtgeschichte, die uns immer noch bewegt.

 

Ist es nicht großartig: Da spielt eine Geschichte 1933, handelt von Flucht und Verlust, aber man sieht weder Hitler noch fließt ein Tropfen Blut oder fällt ein SA-Faustschlag. Dabei wird aber nichts verharmlost, obwohl alles einen wunderbaren Familienfilm ergibt, und der ist – im besten Sinne konservativ: ganz klassisch erzählt.

"Als Hitler das rosa Kaninchen stahl": Judith Kerr erzählt von ihren Erinnerungen

1971 erschien Judith Kerrs Jugendbuch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl", 1973 auch in Deutschland. Es erzählt ihre Erinnerungen als Neunjährige, als ihr berühmter, intellektueller Vater – der politisch aktive Kritiker Alfred Kerr – über Nacht nach der Reichstagswahl Deutschland verlassen muss. Frau und die Kinder Max und Anna schaffen es wenige Tage später mit dem Zug hinterher in die Schweiz. Es wurde eine Fahrt ohne Wiederkehr.

Und so ist es auch die Geschichte der schrittweisen Erkenntnis, der sympathischen kleinen Großstadtgöre Anna, dass sie endgültig Abschied nehmen muss – von den großbürgerlichen Berliner Verhältnissen, von Schulfreunden – und von den Stofftieren, die in einer Kiste hätten nachgeschickt werden sollen. Aber da war die Grunewald-Villa schon von der SA konfisziert.

Elegant und intelligent erzählt

Wer jetzt dem Jugendbuch von Judith Kerr in der Kinoform begegnet, merkt wie elegant und intelligent die Geschichte erzählt und für den Film verdichtet ist.

Die Neunjährige muss den Ernst der Situation erst erspüren lernen, auch weil die Eltern sie vor der Wahrheit schützen. Der ältere Bruder ist dabei die Brücke zur Erwachsenenwelt, der der Schwester erklärt, was abgeht. Und es ist die vorwitzige Anna, die uns mitnimmt, auch die Härte der Welt zu verstehen.

Abenteuerlich-romantisch, aber nie kitschig

Vieles ist dabei dezent eingewoben: die anfangs offene, aber nervöse Schweiz, die am Lande noch sehr rückständig ist oder ein Frankreich, das selbst stark antisemitisch ist. Erst der letzte Sprung über den Kanal nach England schafft Sicherheit.

Erzählt wird von einer Familie, die durch den Druck von Außen, den ständigen Neuanfang, zusammenrückt, stärker ihre Identität findet. Aus der Sicht der Tochter hat das auch abenteuerlich-romantische Aspekte, die aber – vor dem Hintergrund des tödlichen Regimes in der alten Heimat – eben nie kitschig sind.


Kino: ABC, Astor im Arri, Rex, Cinemaxx, City, Sendlinger Tor, Solln, Mathäser, Maxim, Rio

R: Caroline Link (D,119 Min.)


 
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