Langsamkeit statt Adrenalin AZ-Kritik: So war der Tatort aus Köln

Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, rechts) und Freddy Schenk (Dietmar Bär, Mitte) mit dem Aushilfsassistenten Tobias Reisser (Patrick Abozen, links). Foto: WDR / Uwe Stratmann

Der Kölner "Tatort: Der Fall Reinhardt" ist ein ausgesprochen düsteres, depressives Familiendrama - und sorgt mit erschreckenden Bildern für Diskussionsstoff.

München - Kein Happy End an der Wurstbraterei. Kein Pathologe erlaubt sich Witze. Und keine Romanze für Kommissar Ballauf. Dem Kölner Tatort "Der Fall Reinhardt" fehlen die typischen Mittel, mit denen sonst versucht wird, Druckventile in die Geschichten von Mord und Verbrechen einzubauen. Der Serienbrandstifter ist nur eine von mehreren falschen Fährten. Niemandem darf wie im letzten Kölner Fall der Schuld durch den Freitod entgehen. Stattdessen ein Familiendrama, düster und depressiv, mit schockierenden Bildern: Verkohlte Kinderleichen dominieren fast eine Minute lang die Mattscheiben. Harter Stoff - selbst für hartgesottene "Tatort"-Fans.

 

Und auch sonst fällt diese Folge aus dem Rahmen. Dagmar Gablers Drehbuch spielt mit dem Wunsch, dass es auch in der Tragödie noch etwas Hoffnung geben könnte - und verweigert die Erfüllung. Trauma und Verdrängung nach dem Feuertod dreier Kinder, betrifft nicht nur deren Mutter. Auch die Menschen vor dem Bildschirm sollen traumatisiert werden. Man könnte doch ahnen, wie die Tat genau stattgefunden hat, aber kann es nicht wahr haben wollen.

Wer nichts zu sagen hat, darf auch mal schweigen

Das Eintauchen in die Folge funktioniert, weil sie eine klare Linie verfolgt. Sie richtet sich an diejenigen, die zulassen, dass ihnen am Sonntagabend nicht nur 90 Minuten Spannung präsentiert werden, an deren Ende fast immer die heile Welt steht.

Statt auf Adrenalin setzt Thorsten C. Fischers Regie auf Langsamkeit. Wer nichts zu sagen hat, darf auch mal schweigen. Ben Becker als abgestürzter Vater verstummt sogar nach einem heftigen Ausraster. Und Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär als Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk können diesmal weitgehend darauf verzichten, ständig Zusammenfassungen der Situation und moralische Ratschläge zu liefern.

Genauso überzeugen die Schauspieler neben den Polizisten. Susanne Wolff spielt Mutter Reinhardt apathisch, als eine nach dem Schock versteinerte Frau. Ihre Vergangenheit wird nach und nach enthüllt und gibt ihr einen Hintergrund, der bei Tatort-Tätern und -Opfern sonst nicht immer so tief ausfällt. Verzweiflung, an deren Anfang der drohende Verlust der Existenz durch Arbeitslosigkeit steht, der Versuch die bürgerliche Fassade aufrecht zu erhalten, bis schließlich die mentalen Sicherungen durchbrennen. Nur der neue Aushilfs-Assistent (Patrick Abpzen), der Tessa Mittelstaedt nach ihrem Ausstieg beerbt, wirkt gelegentlich fehl am Platz. Als der Neue im Büro unterbricht er den Fluss des eingespielten Teams.

Nichtsdestotrotz ist dieser Tatort stimmig. Aber muss man wirklich verkohlte Kinderärmchen zeigen?
 

 

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