Kunstfund in Schwabing Jetzt spricht Cornelius Gurlitt!

Redet jetzt erstmals über seine Bilder - und über München: Cornelius Gurlitt. Foto: Goran Gajanin/ Action Press/Paris Match/Bestimage

Der 80-Jährige redet im „Spiegel“ über seine geliebten Kunstwerke, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Augsburg und seinen Vater. Und er sagt, warum er so wenig von München hält

 

München/Schwabing - Er spricht leise, schnell und abgehackt. Der hagere Mann wirkt kurzatmig, seine Stimme ist heiser und zittrig. Hager ist er, blauäugig, er trägt eine Brille beim Zeitunglesen.
So zeigt der „Spiegel“ den Schwabinger Kunstsammler Cornelius Gurlitt in seiner neuen Ausgabe.

Darin spricht der 80-Jährige zum ersten Mal über die vergangenen Wochen, die Razzia des Zolls in seiner Wohnung in Schwabing, über sein Leben, seinen Vater Hildebrand und natürlich über seine geliebten Bilder.

Cornelius Gurlitt über:

die Razzia in seiner Wohnung am 28. Februar 2012: 30 Menschen seien da gewesen, Gurlitt nennt sie „die Fremden“. Die hätten das Türschloss aufgebrochen. Er sollte sich in seinem Schlafkleid in eine Ecke setzen. Dann hätten sie begonnen, Bilder von den Wänden abzuhängen, einzupacken und mitzunehmen. Vier Tage lang. Am ersten habe eine Frau vom Psychologischen Beratungsdienst mit ihm sprechen wollen – aus Angst, dass er sich selbst was antut. Gurlitt bezeichnet das Gespräch als „furchtbar“ und „grausam“, die Beschlagnahmung als „fatales Unglück“.

seine Kunstwerke: „Mehr als meine Bilder habe ich nichts geliebt in meinem Leben“. Der Abschied von ihnen sei der schmerzvollste gewesen – schlimmer als der Tod des Vaters Hildebrand, der Mutter Helene, der Schwester Benita.

Gurlitt will sie unbedingt wiederhaben: „Hoffentlich klärt sich alles schnell, und ich bekomme endlich meine Bilder zurück.“ Denn: „Ich habe die Bilder sehr vermisst, das merke ich jetzt.“ Jetzt seien sie „irgendwo in einem Keller, und ich bin allein. Warum haben sie die Bilder nicht dagelassen und nur immer die abgeholt, die sie prüfen wollen? Dann wäre es jetzt nicht so leer.“

seine Kindheit: Die Familie sei viel herumgereist. Die Volksschule machte Gurlitt in Hamburg, das Gymnasium in Dresden. Nach dem Krieg war er auch im Odenwald-Internat. Das Abitur machte er schließlich in Düsseldorf. Danach Studium der Kunstgeschichte in Köln, etwas Philosophie und Musiktheorie. Irgendwann abgebrochen. Gurlitt lebte bei seinen Eltern, dann bei der Schwester, dann bei der Mutter.

die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Augsburg:
„Die Staatsanwaltschaft wird schon prüfen, was ich zurückbekomme. Ich habe noch nie eine Straftat begangen – und selbst wenn, wäre das verjährt. Wenn ich schuldig wäre, dann würden die mich doch ins Gefängnis nehmen.“

seinen Vater, Kunstsammler Hildebrand Gurlitt:
Der habe zu Hause nicht gut über Hitler gesprochen, sei schlau gewesen und habe die Kunstwerke vor den Nazis gerettet. Er habe nur mit ihnen kooperiert, um die Kunstwerke zu retten.

Dabei habe er sich nie bereichern wollen. „Es kann ja sein, dass meinem Vater mal etwas Privates angeboten wurde, aber er hat es sicher nicht genommen. Das wäre ihm übel bekommen.“ Dass er die Bilder nicht habe retten können, mache Gurlitt zu schaffen, so der „Spiegel“: „Ich bin nicht so mutig wie mein Vater. Er hat für die Kunst gelebt und für sie gekämpft.“

die Liebe: War er mal verliebt? „Ach, nein“, sagt er nur.

Steuer-Vorwürfe und angebliche Kunstverkäufe in der Schweiz: Der letzte Bild-Verkauf in der Schweiz sei über 20 Jahre her. „Ich habe nie etwas illegal und unverzollt über die Schweizer Grenze gebracht.“

Augsburgs Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz: „Ich verstehe nicht, warum der sich noch nicht bei mir gemeldet hat.“ Die Staatsanwaltschaft Augsburg habe ihm in einem Brief geschrieben, er würde einige Bilder zurückbekommen. Dass Kunstwerke von der Staatsanwaltschaft und der Bundesregierung ans Licht gebracht wurden, erzürnt ihn: „Was ist das für ein Staat, der mein Privateigentum zeigt?“

den Verkauf von Bildern wie Max Beckmanns „Löwenbändiger“: Gurlitt hat Grauen Star und ist vor allem herzkrank. „Ewig leben werde ich nicht mehr mit der Krankheit“. Der Verkauf von Beckmanns „Löwenbändiger“ Ende 2011 habe ihm 400 000 Euro gebracht. Das Geld braucht er für die Behandlung. Die Praxis seines Arztes sei zwar klein, aber „mit den besten Geräten Deutschlands“.

das Medien-Interesse: „Ich bin doch nicht Boris Becker, was wollen die von mir? Ich bin doch etwas ganz Stilles. Ich habe doch nur mit meinen Bildern leben wollen.“

sein geheimes Leben: Er zahle in Deutschland pünktlich Grundsteuer für seine Wohnung. Mehr nicht. Hartz IV habe er nie bezogen. Er beziehe keine Rente, habe keine Krankenversicherung. Seinen deutschen Pass habe er immer im deutschen Konsulat in Salzburg verlängern lassen. Seit zwei Jahren sei der aber abgelaufen.

München: Die Stadt sei „allen Übel Ursprungs“, sagt er. „Hier wurde die Bewegung gegründet“ – gemeint ist der Nationalsozialismus. Seine Mutter habe 1960, vier Jahre nach dem Tod des Vaters, nach Schwabing ziehen wollen und zwei Wohnungen in seinem jetzigen Wohnhaus gekauft. Eine Lebensentscheidung, die Gurlitt heute offenbar bereut: „Wenn ich woanders gelebt hätte, wäre das alles einfach nie passiert.“

das Verhandlungsangebot von Bayerns neuem Justizminister Winfried Bausback (CSU):
Der schlug in der „SZ“ vor, auf den Kunstsammler-Sohn zuzugehen und eine „einvernehmliche Lösung“ zu finden.. Der aber sagt: „Ich werde nicht mit denen reden, und freiwillig gebe ich nichts zurück, nein, nein.“

Die Bilder will er unbedingt zurück. „Wenn ich tot bin, können die damit machen, was sie wollen.“

 

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