Kunst Mutter Erde und ihre kreativen Kinder

Judy Chicagos „Immolation IV from the Women and Smoke Series“, 1972. Foto: Through the Flower housed at the Penn State University Archives

Eine monumentale Ausstellung, die nicht nur am Boden bleibt: Das Haus der Kunst zeigt „Ends of the Earth. Land Art bis 1974“

 

Auf dem Bildschirm versinkt ein Mann in der Erde, jeden Abend ein Stück mehr, bis nur noch ein paar Haare zu sehen sind. Doch die Bilder, die der WDR 1969 täglich nach den Hauptnachrichten kommentarlos ausstrahlte, waren keine Dokumentation einer Tragödie, sondern das Kunstprojekt „Self Burial“, Fotografien von Keith Arnatt. Im Zielgruppen-Fernsehen von heute ist eine derart subversive Lakonie undenkbar.

Der Schwarzweiß-Film ist jetzt im Rahmen von „Ends of the Earth. Land Art bis 1974“ im Haus der Kunst zu sehen. Kuratoren dieser Mammut-Ausstellung mit rund 200 Werken sind Philipp Kaiser vom Museum of Contemporary Art in Los Angeles – und ab November Nachfolger von Kasper König am Kölner Museum Ludwig – und Miwon Kwon.

Kaiser hatte vorab angekündigt, mit dem Projekt die Kunstgeschichte umschreiben zu wollen. Wer nämlich bei „Land Art“ vor allem an die Großprojekte in den USA – von Michael Heizers „Double Negative“ (1969) über Robert Smithsons „Spiral Jetty“ (1970) zu Walter de Marias „Lightning Field“ (1977) – denkt, der wird – bis auf Smithson-Fans – enttäuscht. Nicht zuletzt, weil der Eigenbrötler Heizer und der monumentale Minimalist de Maria an musealer Präsentation nicht interessiert sind.

Zwar findet man Plan- und Bildmaterial zu Smithsons spektakulärer „Site“ in Utah; aber Kaisers Augenmerk liegt auf den vielfältigen „Earth Art“-Ansätzen der 60er Jahre – als die Raumfahrt erstmals Bilder des „Blauen Planeten“ von oben lieferte – diese Welt künstlerisch zu vermessen, zu begreifen, zu ehren. Oder, einem Schöpfer gleich, zu gestalten.
Viele Werke stehen im Kontext mit Konzept Kunst oder Minimal Art. Eine wesentliche Erkenntnis ist, dass vor allem auch europäische Künstler, ob in Arte Povera, Fluxus oder Zero, um das Thema kreisten.

Etwa Yves Klein, der mit dem nach ihm benannten Blau einen universellen Anspruch formulierte. Unterhaltsam ist der Film von Jean Tingely und Niki de Saint-Phalle, in dem sie in Las Vegas Schrott einkaufen, um den zu einer Plastik zusammenzubauen – und diese anschließend in die Luft jagen. Und Christo und Jeanne-Claude packten schon mal eine Meile der Küste bei Sydney in Plastik ein. Die Schau zeigt auch: Mit Ökologie hatten die meisten Protagonisten noch nichts am Hut. Anders Isamu Noguchi („This tortured Earth“, „A Memorial to Man“), der bereits die Verwundbarkeit des Planeten vor Augen hatte.

Häufig wurde das Bild der Erde mit dem realen Ort oder dem Material „Erde“ verbunden. John Baldessari übertrug mit George Nicolaidis den Schriftzug „CALIFORNIA“ von der Landkarte in die Landschaft. Die Boyle Family schoss Dart-Pfeile auf eine Weltkarte und bildete die zu den Einstichstellen gehörige Bodenformation nach. Ali-ghiero Boetti stellte in „Zwölf Formen seit dem 10. Juni 1967“ fest, dass, immer wenn es eine Karte auf die Titelseite der Turiner Zeitung „La Stampa“ schaffte, eine gewaltsame Grenzverschiebung geschehen war – wie 1967 am Ende des Sechstagekrieges durch Israel. Er ritzte die historischen Ereignisse in Kupfer, reduziert auf Datum und neue Grenzlinien.

Wie kleinen Jungs ging’s Claes Oldenbourg und Paul McCarthy ums Buddeln. Andere versetzten Galeriegrundrisse und New Yorks U-Bahnnetz in die Natur (Dennis Oppenheim, Adrian Piper), tauschten Erdproben (Mirle Laderman Ukeles) und versetzten Steine (Petr Stembera). Animistisch wird es bei Judy Chicago, wie überhaupt der Respekt vor „Mutter Erde“ typisch weiblich zu sein scheint. Und „Erde“ wird auch ganz sinnlich erfahrbar: Ob in Alice Aycocks Lehm-Landschaft mit Rissen, Hans Haackes „Gras wächst“, Giovanni Anselmis zart-gewaltigem Granitkompass, angesichts der „12 Tonnen Schotter“ („Group I“), oder von Helen Mayers und Newton Harrisons duftendem Stück Wiese – auf der zweimal sogar ein echtes Schwein weiden soll.

Diese Fülle und Vielfalt der Kunstwerke beeindruckt, wenn auch nicht alle künstlerisch gleichermaßen überzeugen. Und insgesamt hätte der nicht immer nachvollziehbar gruppierten Präsentation eine klare Struktur gut getan.

Haus der Kunst, bis 20. Januar 2013, täglich von 10 bis 20, Donnerstag bis 22 Uhr, Katalog (Prestel) 49.95 Euro

 

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